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Interview mit Martin Walser

Martin Walser gilt als der größte lebende Schriftsteller Deutschlands. Am Rande der Usedomer Literaturtage sprach der 89-Jährige mit Carsten Korfmacher über sein Leben, das Schreiben und die Flüchtlingskrise. Dabei stellt sich der Autor eindeutig hinter die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin. Für die AfD sieht Walser keine Zukunft.

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Martin Walser, Ahlbeck, April 2016. Foto: Carsten Korfmacher

Das Scheitern spielt in ihren Romanen eine große Rolle. Die meisten ihrer Figuren versuchen, ein Scheitern im Leben abzuwenden oder sich von einem Scheitern zu erholen. Welche Rolle spielt das Scheitern in ihrem Leben?

Ich muss Ihnen ehrlich sagen, dieses Verbum „Scheitern“ ist im deutschen Feuilleton ein sehr beliebtes Wort und wird oft für Literaturfiguren verwendet. Für mich ist es völlig unanwendbar. Ich hätte noch nie sagen können, dass eine Figur in meinen Romanen scheitert. Das ist dasselbe, als würden Sie sagen, es gebe negative Figuren. Das ist mir auch völlig fremd. Ich muss meine Figuren lieben, ich muss ganz und gar für sie sein, ich muss sie ermöglichen. Und deswegen kann ich für meine Figuren das Wort „Scheitern“ nicht anwenden.

Nehmen Sie als Beispiel meinen neuesten Roman „Ein sterbender Mann“. Die Hauptfigur, Theo Schadt, überlebt. Meine Figur überlebt. Dass das nicht immer ein Vergnügen ist, ist klar. Dass das nicht ohne Leiden, ohne Komik, nicht ohne Katastrophen möglich ist, das ist im Roman genau so wie in der Wirklichkeit. Es gibt in der Wirklichkeit auch kein geschenktes Gelingen.

Ein Scheitern kann ja auch ein Scheitern an der eigenen Lebenskonzeption sein. Ich wäre gerne Atomphysiker, verstehe aber nichts von Quantenmechanik. Oder ich verliere meine große Liebe. Dies sind Beispiele des alltäglichen Scheiterns, nämlich dann, wenn ich mich selbst nicht überwinden kann, meine Lebenskonzeption an meine Lebensrealität anzupassen.

Das ist richtig. Doch wenn ich über diesen Atomphysiker einen Roman schreiben würde, dann wäre er schön. Das Wort „Scheitern“ ist ein Unwort. Deswegen schreibe ich Romane. Damit etwas nicht so elend bleibt, wie es in Wirklichkeit ist. Ich sage immer: Jeder Roman wirft am Ende immer einen weißen Schatten. Das ist das Gegenteil von Scheitern. Auch das, konventionell-bürgerlich gesprochen, schlimmste Romanende ist schön. In Wirklichkeit kann es furchtbar sein, doch im Roman ist es geschrieben, bewältigt, ausgedrückt. Mein Lieblingsbeispiel ist Dostojewski. Diese furchtbaren traurigen Figuren, in welchen Verhältnissen sie leben und kämpfen und sterben. Und dennoch lese ich es gern, wir lesen es gern. Wenn man diese Vorgänge in Wirklichkeit erleben müsste, würde man davonrennen.

Das ist der Sinn von Literatur. Deswegen bin ich ganz und gar gegen dieses Wort „Scheitern“. Ich habe einmal gesagt: Schreiben heißt, etwas so schön zu sagen, wie es nicht ist. Das ist mein Credo: Literatur erklärt nicht die Welt, sondern verklärt sie. Das ist etwas, was die Literatur mit der Religion gemeinsam hat. Die Religion erklärt die Welt auch nicht, sie verklärt sie. Die Sixtinische Madonna von Raffael gemalt ist wichtiger als alle Theologie. Weil sie einfach so schön ist. Und eine Schubert-Messe verklärt die Welt. Und Bach sowieso.

In ihrem neuesten Roman hat die Hauptfigur Theo Schadt eine große Enttäuschung erlebt, einen Verrat einer Person, die er sehr bewundert hat. Wie viel Autobiografisches steckt in dieser Geschichte?

Dazu könnte ich abgekürzt sagen: Ich schreibe Romane, damit ich diese Frage nicht beantworten muss. Ich habe mal ein Büchlein geschrieben über eine Figur, Meßmer. Im ersten Satz heißt es: Fantasie ist Erfahrung. Das, was die Leute für Fantasie halten, ist in Wirklichkeit Erfahrung. Aber im Schreiben wird es Fantasie. Deswegen könnte ich als Antwort auf diese Frage mein halbes Leben runterbeten. Mindestens drei Mal habe ich es so erlebt, wie ich es hier mit der Figur ausdrücke.

Verrat ist in unserer Gesellschaft eine alltägliche Erfahrung. Wir verraten selbst mit der linken Hand, mit einer Bemerkung, mit einem Blick. Natürlich nicht so, wie Theo Schadt verraten wurde, das war groß, schwer, exemplarisch. Aber von der lächerlichsten, verratenden Bemerkung in einer Gesellschaft – es spielt gar keine Rolle warum, vielleicht für eine Pointe – bis hin zu einem lebensentscheidenden Verrat: Das ist ein bürgerliches Kontinuum. Ich musste das jetzt einmal ins Große bringen.

Der Prozess, den Theo Schadt durchläuft, geht von einem von diesem Verrat ausgelösten Lebensunwillen bis hin zu einer, sagen wir es mal so, Lebenspflicht. Er hat noch etwas zu erledigen. Was haben Sie noch zu erledigen?

(Lacht.) Ich zähle das Schreiben nicht zu den Pflichten. Solange man lebt, ist man meistens auch daran interessiert, noch zu leben. Es gibt Kollegen von mir, sehr achtenswerte Kollegen, die haben in einem gewissen Alter ganz öffentlich gesagt: So, jetzt ist Schluss, jetzt schreibe ich nichts mehr. Das ist eine Haltung und Einstellung, die ich mir überhaupt nicht vorstellen kann. Denn für mich – ich übertreibe ein bisschen – ist das Schreiben, ist der sprachliche Ausdruck, eine unerlässliche Reaktion auf alles, was mir passiert. Ich reagiere einfach sprachlich. Das habe ich mir früher einmal angewöhnt, das hat nie aufgehört und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich irgendwann nicht mehr mit einem Satz auf eine Erfahrung reagieren würde.

Ein gutes Beispiel sind Tagebücher. Das, was aus aktuellem Anlass in meinen Tagebüchern steht, ist immer eine Reaktion auf etwas, was ich gesehen, gehört, erlebt, erfahren habe. Wenn ich nun redigiere, dann richtet sich das so gut wie nie nach dem Inhalt, sondern immer nach dem sprachlichen Gelungensein oder Nicht-Gelungensein. Wenn es mir sprachlich gefällt, kommt es hinein. Dabei ist mir völlig egal, was dann darin steht. Aber was mir zu flach oder zu unbedeutend erscheint, streiche ich. Ein Leben ohne dieses Reagieren kann ich mir eben nicht vorstellen.

Gab es in der Vergangenheit nie eine Zeit, in der Sie sagten: Ich schreibe jetzt nichts mehr? Oder zumindest: Ich veröffentliche jetzt nichts mehr? Eine Krisenphase, zum Beispiel?

Ich habe einmal den Satz notiert: Mir fällt ein, was mir fehlt. Der Mangel ist meine Muse. Wenn mir nichts mehr fehlen würde, dann fiele mir nichts mehr ein. Da mir immer wieder etwas fehlt, muss ich es schreiben. Das führt zu den eigenartigsten Sätzen. In meinem letzten Tagebuch gibt es einen Satz, auf den ich oft angesprochen werde, der da lautet: Ich bin die Asche einer Glut, die ich nie war. Leute fragen mich: was heißt das? Ich werde das niemals kommentieren. Ich antworte dann: „Wenn Ihnen der Satz nichts sagt, dann werfen Sie ihn weg. Es gibt genug Menschen, denen sagt der Satz etwas.“ Das ist das Normale für einen Autor. Und das ist auch das Schöne. Man lebt, weil es Leser gibt, die reagieren. Jeder liest sein Buch, nicht mein Buch. Das ist das Tolle. Ein pensionierter Pilot aus Irland schreibt mir einen sechs Seiten langen Brief und glaubt, er schreibe mir über mein Buch, doch in Wahrheit schreibt er nur über sich.

Kann das Schreiben auch im Gegensatz zu Leben stehen, in dem Sinne, dass es eine Verdopplung des Lebens ist? Vielleicht erfährt man in Situationen weniger, weil die Sinne darauf ausgerichtet sind, das Erfahrene zugleich sprachlich zu verarbeiten?

Das ist mir nicht bekannt. Diese Instrumentalisierung meiner Selbst schaffe ich nicht. Ich bin den Erfahrungen ausgesetzt, ganz egal, wie sie sind. Ich kann gegen Erfahrungen nichts machen. Fichte sagte: Erfahrungen sind die mit dem Gefühl der Notwendigkeit verbundenen Vorstellungen. Bei einer Erfahrung hat man immer das Gefühl, dass man sie nicht wählen kann. Das passiert Dir, das ist notwendig. Du machst Deine Erfahrungen, ich mache meine Erfahrungen. Wir sind nirgends so sehr wir selber wie in unserer Erfahrung. In diesem Sinne kann man schreibend leben.

Können Sie sich noch an eine Zeit vor dem Schreiben erinnern?

Man kann das nicht lehrbuchmäßig formulieren, doch ich denke, dass das Schreiben vom Lesen kommt. Mein Vater ist sehr früh gestorben und hat sehr viele Bücher hinterlassen. Als Kind habe ich angefangen, Karl May zu lesen als ich etwa acht Jahre alt war. Von da an war ich ein Leser. Man kann nicht Karl May lesen und kein Leser werden.

Haben Sie sich in ihrem Leben als politischer Schreiber verstanden?

Nein. Das Politische als solches wirkt natürlich auf jeden. In der Vergangenheit hatte ich nicht genug Selbstgefühl und nicht genug Kenntnis von mir selbst, als dass ich dem Politischen hätte widerstehen können. Dazu war ich nicht im Stande. Ich war ausgesetzt, ich hatte das Gefühl, ich muss mich verhalten. 1961 habe ich deswegen 14 oder 15 Kollegen zusammengetrommelt, um ein Buch zu machen mit dem Titel „Die Alternative. Oder: Brauchen wir eine neue Regierung?“. Das war ein Taschenbuch für die SPD. Da habe ich eine Erfahrung gemacht, der ich mich hätte viel früher fügen müssen. Diese Autoren waren alle wie ich Schriftsteller, die geglaubt haben, sie müssten jetzt etwas für die SPD tun. Und keiner dieser Aufsätze hatte auch nur den geringsten Wert. Das war nur Stimmungs- und Gefühlsmache. Ein einziger, Gerhard Schoenberner, hat einen politischen Aufsatz geschrieben. Wir anderen haben als Belletristen sozusagen inhaltsarm für die SPD Partei genommen. Bei der nächsten Bundestagswahl vier Jahre später habe ich das aber nicht mehr getan.

Warum nicht?

Inzwischen war der Vietnam-Krieg im vollen Gange und für mein Gefühl hat sich die SPD nicht ausreichend dagegen ausgesprochen. Die CDU damals sowieso nicht. Es gab ein Jahr, da hat unser damaliger Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier ein Glückwunschschreiben nach Washington geschickt, weil die Amerikaner Hanoi bombardiert hatten. In der damaligen Aufstellungsordnung stand ich links von der SPD. Willy Brandt hat damals in Konstanz eine Rede gehalten und ich hatte darum gebeten, ihn zu sprechen. Ich habe den Brandt gefragt: Wie halten Sie es mit Vietnam? Er hat mich schablonenhaft beruhigen wollen, eine reine Ausrede. Damit war die SPD für mich nicht mehr vertretbar. Ich habe schon gewusst, dass wir als Wähler möglicherweise nicht um sie herumkommen, aber als Intellektueller wollte ich damit nichts mehr zu tun haben.

Wir leben gerade in einer politisch sehr turbulenten Zeit. Empfinden Sie es so, dass sich Intellektuelle in die Debatte eher zögerlich einschalten? Und wenn sie es tun, dann oft mit Haltungen, wie zuletzt Peter Sloterdijk im Cicero, die erschreckend reaktionär wirken?

Ich achte Peter Sloterdijk und ich halte ihn für unseren lebendigsten Philosophen. Aber ich war mit diesem Cicero-Interview nicht einverstanden. Musste ich ja auch nicht sein. Es ist seine Sache, es so zu sehen. Ich habe mich anders ausgedrückt. Ich setze mich eindeutig für Frau Merkel und für ihren Satz „Wir schaffen das“ ein. Ich bin der Ansicht, dass wir keine bessere politische Vertretung als Frau Merkel haben können in dieser schwierigen Zeit. Diese Argumente, die von Sloterdijk kamen, die haben mir nicht eingeleuchtet. Ich könnte jetzt bemängeln, dass er die Hälfte seines Aufsatzes damit verbringt, unser momentanes nationales Verhalten mit einer Beschreibung des pawlowschen Reflexes zu begründen. Aber geschenkt. Er kann dieser Meinung sein. Ich sage: Wir werden das schaffen, weil uns nichts anderes übrig bleibt, als es zu schaffen. Deswegen ist jeder Kleinmut überflüssig.

Sie sind 1927 geboren und haben politisch betrachtet viel erlebt, Krisen, Kriege. Glauben Sie, dass wir uns momentan in einer außergewöhnlichen Zeit befinden? Einer Umbruchszeit, einer Krisenzeit?

Nein, so empfinde ich das nicht. Die Beurteilung einer aktuellen Situation ist stark abhängig vom Wissensstand, vom Willensstand, von der Einstellung. Sie hat immer mehr mit dem zu tun, der da urteilt, als mit einem objektiven Befund. In diesem furchtbaren 20. Jahrhundert haben die Europäer zwei Mal gegeneinander Krieg geführt. Wie sah es hier 1945 aus? Und wir haben es geschafft. Von dieser Stunde 0 bis zur heutigen Gegenwart, inklusive Wiedervereinigung: Das war eine schwierigere Strecke, glaube ich, als das, was uns nun an Organisation und Finanzierung aufgrund der Flüchtlingskrise bevorsteht. Wir sind als Wirtschaft gesund und stark und guten Willens. Und natürlich, dass so eine Krise Stimmen provoziert, die sich sonst nicht trauen würden, das ist normal. Das zeigt nur, dass auch wir nicht durchweg erleuchtet und aufgeklärt sind, sondern dass es unter uns noch finstere Vergangenheitsdenker und -opfer jeder Art gibt. Aber man merkt doch überall, dass die Mehrheit der Deutschen willens ist, die Krise zu stemmen.

Glauben Sie, dass die Nationalisierung Europas eine temporäre Sache ist? Mit den dazugehörigen AfD-Wahlerfolgen und so weiter?

Ja, das glaube ich. Es gab Parteien, deren Namen Sie schon nicht mehr kennen, die gibt es heute nicht mehr. Die kamen vor allem aus Bayern. Die AfD wird es, wenn wir diese Krise zum größeren Teil hinter uns gebracht haben, nicht mehr geben. Die Partei appelliert an eine Angst. Es wundert mich, wie leicht man den Leuten einreden kann, wie gefährdet sie seien durch Flüchtlinge. Das gelingt halt, da kann man machen, was man will. Aber die Partei wird es dann nicht mehr geben. Es werden die klassischen Parteien übrig bleiben. Generell habe ich nicht den mindesten Zweifel an der Fähigkeit Europas, diese Krise zu stemmen. Außerdem: vielleicht führt diese Krise zu etwas Großartigem, wozu Europa ohne Krise viel länger gebracht hätte.

Langfristig betrachtet: Wovon braucht die Welt mehr, damit sie besser wird?

Es gibt immer wieder Menschen, die auf solche Fragen mit Entwürfen reagiert haben. Das ist nicht mein Fall. Ich studiere nur, wie die Menschheit fertig geworden ist mit ihren individuellen Krisen. Daraus ergibt sich, dass es – und ich gebe zu, das ist ein dürftiges, vielleicht ein lächerliches Wort – Fortschritt gibt. In Deutschland haben sich die Menschen die Köpfe eingeschlagen wegen dieser oder jener Form des Abendmahls. Das müssen Sie sich mal vorstellen! Gewisse Scheußlichkeiten aus vergangenen Jahrzehnten sind heute nicht mehr möglich.

Mit diesen schwierigen Jahrzehnten ist in der Menschheit die Fähigkeit erwachsen, human zu reagieren und nicht ideologisch. Die Ideologien haben abgenommen. Nach dem Kalten Krieg hat es keine imperialistische Ideologie mehr gegeben, von der man fürchten musste, dass sie uns alle überwältigen würde. In Deutschland schon gar nicht, aber auch in keinem anderen europäischen Land. Und deswegen kann ich die Zukunft nicht anders sehen als ein immer heller werdendes Gelände.

Auch wenn es sich vielleicht nicht immer so anfühlt.

Leicht war es noch nie, aber es war schon bedeutend schwerer.

Viele sehen uns aufgrund der Re-Nationalisierung Europas auf einem Weg zurück in dunklere Zeiten. Sind das europäische Selbstzerstörungsprozesse?

Nun gut, das ist eine schöne Paranoia, die Sie da pflegen, aber trotz aller Spuren dieser Art ist das nicht das Gros. Und Sie sind in einer Branche tätig, die stark mitspielt. Euer Geschäft ist es, Stimmungen zu stärken, die ohne Medien in der Realität keine Chance hätten. Nehmen wir als Beispiel Köln. Also, Kind, was war das? Und wie viel ist in den Medien nun davon geredet worden? Dabei handelte es sich vielleicht um eine Handvoll Verrückter, Verruchter oder Verlassener. Das durfte doch kein nationales Thema werden. Aber lassen wir das. (Augenzwinkernd.) Wir werden selbst unsere Medien überstehen.

Das Gespräch fand am 9. April 2016 in Ahlbeck auf Usedom statt und wurde zuerst im Nordkurier (11. Mai 2016) veröffentlicht.

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