R.I.P. Nelson Mandela

Das letzte Jahrhundert hielt einige Giganten der Menschlichkeit bereit, Menschen, die voller Mut, Demut und Ideal waren; Menschen, die nicht nur bereit waren, für ihre Werte zu kämpfen und zu leben, sondern auch für sie zu sterben. Nelson Mandela war der letzte noch lebende dieser Giganten. Er ist gestern Abend verstorben.

In den vergangenen 24 Stunden wurde viel geschrieben, über Madibas Leben, seine Errungenschaften für Südafrika und die Welt, seine Gedanken, sein Handeln und seine Ideale. Ich möchte dem nichts hinzufügen, aus verschiedenen Gründen. Einer der Gründe ist, dass ich nicht weiß, wie ich konstruktiv über ein gelebtes Leben nachdenken soll, das so viel Respekt abverlangt; das so sehr von dem geprägt ist, was wir uns alle füreinander wünschen, dass mir die Worte dafür fehlen.

Deshalb möchte ich heute nur eine Frage beantworten, die in den letzten Stunden oft gestellt wurde: kann es heute noch, in unserer so aufgeklärten, freien Welt, solche Giganten der Menschlichkeit geben? Die Antwort darauf ist ein klares „Ja“. Mandelas Leben hat uns gezeigt, dass es unsere Aufgabe ist, selbst ein solcher Gigant zu werden. Er hat uns gezeigt, was man erreichen kann, wenn man für das einsteht, an das man glaubt. Das können wir auch. Das müssen wir auch. Das Leben Nelson Mandelas ist Inspiration für alle, ein Stück von dem am Leben zu halten, für das er gelebt hat. Es ist nicht die eine große Tat, die ein Leben bewundernswert macht, sondern es sind die vielen kleinen Taten: zu vergeben, wo man auch hassen könnte; Verständnis zu zeigen, wo man verurteilen könnte; bescheiden zu bleiben, wo man hochmütig werden könnte; Respekt zu zeigen, wo man abwerten könnte. Denn die Welt verändert sich nicht in einer großen Revolution, einem Krieg oder einem omnipräsenten Akt der absoluten Menschlichkeit. Die Welt verändert sich im Kleinen, mit jedem einzelnen von uns, in kleinen Schritten.

Ich wünsche uns allen das herzlichste Beileid, denn gestern ist ein Mensch gestorben, der uns alle berührt hat. Nicht umsonst wurde Mandela auch „Vater“ genannt: er war nicht nur einer der moralischen Väter der Gegenwart, er war vor allen Dingen auch einer von uns, verwandt mit jedem von uns in Mitgefühl und in Liebe. Er hat uns gezeigt, dass die Möglichkeit menschlicher Größe in jedem von uns lebt.

Wir werden seine, unsere Ideale nicht vollends einhalten und leben können. Doch genau das ist das Ding mit Idealen: schon das Streben danach, in unserem kleinen Rahmen, verbessert die Welt.

Ruhe nicht nur in Frieden, Nelson Mandela, sondern in der Gewissheit, dass wir verstanden haben.

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South Central Los Angeles

Es ist Freitagmorgen, 11.15 Uhr, Century Boulevard, eine der Hauptstrassen der etwa 120.000 Einwohner zählenden Stadt Inglewood. Inglewood zählt trotz seiner Lage im Südwesten von Downtown Los Angeles zu South Central, hauptsächlich aufgrund der hohen Kriminalitätsrate und Bandenaktivität der Stadt, die es mit dem Rest des berüchtigten South Central teilt. Die Sonne brennt schon seit mehreren Stunden und die vierspurige Straße ist wie an jedem Morgen hoch frequentiert. Ich sitze auf einer kleinen Mauer, die den Bürgersteig von einem der vielen Liquor Stores der Stadt trennt, und warte darauf, abgeholt zu werden. Ein junger Afroamerikaner, vielleicht 14 oder 15 Jahre alt, fährt mit seinem Fahrrad an mir vorbei und nickt mir zu. Ich reagiere mit dem ortsüblichen „Wassup?“, was ihn dazu bewegt, umzukehren und mich nach einem Dollar oder einer Zigarette zu fragen. Leider kann ich ihm nicht helfen. Er bedankt sich und fährt weiter. Ich sehe ihm noch nach, als er auf der gegenüberliegenden Seite in eine Nebenstraße einbiegt.

Es ist Freitagmorgen, 11.20 Uhr, Century Boulevard. Die Sonne brennt und ich warte. Plötzlich jagt ein Streifenwagen des Inglewood Police Department an mir vorbei und biegt in die Seitenstraße ein, die der Junge immer noch langsam runterradelt. Die Polizeibeamten halten neben ihm an. Sie steigen aus dem Wagen aus und beginnen, den Knaben zu befragen, um ihn schließlich, mit Armen und Beinen am Polizeiwagen gespreizt, zu durchsuchen. Ein weiterer Streifenwagen biegt in die Strasse ein, dann ein dritter, ein vierter, die letzten beiden mit Sirenen.

Ich wundere mich, was der Bursche wohl verbrochen haben mag, dass gleich vier Streifenwagen nötig sind, um eine einfache Befragung vorzunehmen. Ist er etwa bewaffnet und gemeingefährlich? Ist er vielleicht sogar ein Bandenmitglied und hat einen Rivalen ermordet? Oder ist er womöglich ein Drogendealer oder ein Späher? Ich hatte ja auch schon Dokumentationen, Reportagen und Filme über die Gegend hier gesehen und mir das ein oder andere Lied von einheimischen Rap-Künstlern angehört – und dem Ruf nach zu urteilen ist in Inglewood alles möglich.

Doch plötzlich ist alles schon wieder vorbei. Die Beamten steigen der Reihe nach in ihre Streifenwagen und brausen davon. Noch schnell seine Habseligkeiten in die Hosentaschen gestopft schwingt sich der Junge wieder auf sein Fahrrad und fährt zurück zu der Hauptstraße, auf der ich nun schon seit einer guten halben Stunde darauf warte abgeholt zu werden. Als er an mir vorbeifährt, sieht er wieder wie das unbehütete Kind aus, das keiner Fliege etwas zu Leide tun kann, und das mich eben um einen Dollar bat. Ich kann meine Neugier nicht zügeln und frage ihn: „Hey man, what happened down there?“ Fast gelangweilt antwortet er im Vorbeifahren: „Nuttin’ man. I’m black and this is Inglewood, that’s what happened.” „Es ist gar nichts passiert. Ich bin schwarz und dies ist Inglewood, das ist, was passierte.“

Noch mehrere Tage nach jenem Ereignis lag mir dieser Satz in den Ohren. Es war nicht nur der Versuch einer Erklärung, es war auch eine aus Verzweiflung resultierende Anklage. Von Polizeibeamten öffentlich durchsucht zu werden und Rede und Antwort stehen zu müssen ist eine Verletzung der Privatsphäre, die sogar in den USA nur unter sehr bestimmten Bedingungen passieren darf. Natürlich genießen Polizeibeamte in der Praxis gesetzmäßigen Spielraum, der bei Personendurchsuchungen vielmals ausgelotet wird. Doch die Frage, die mich am meisten beschäftigte war: Wie hätte ich mich gefühlt, wenn es mir diesen Morgen so ergangen wäre? Und wie würde ich mich fühlen, wenn es mir regelmäßig so ergehen würde? Mein Interesse an diesem Ort war geweckt. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, hier zu leben. Also verbrachte ich mehrere Wochen in South Central Los Angeles und sprach mit seinen Einwohnern.


Die traurige Geschichte eines Stadtteils

In der öffentlichen Bibliothek des an Inglewood angrenzenden Stadtteil Lennox fand ich heraus, dass der Korridor des ursprünglichen South Central (der sehr viel kleiner war als das Gebiet, das heute unter diese geographische Bezeichnung fällt) vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine der wenigen Gegenden in Los Angeles war, in denen Afroamerikaner Land besitzen durften. Während der Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg strömten aber immer mehr Afroamerikaner nach Los Angeles, um Arbeit zu finden und ihre Familien ernähren zu können. Dies führte zu einer vollkommenen Überbevölkerung des ursprünglichen South Central. Als 1948 per Gerichtsbeschluss die Rassendiskriminierung Landbesitz betreffend eingestellt wurde, zogen immer mehr Afroamerikaner in die immer noch von Weißen bevölkerten Gebiete am Rande und außerhalb des Bezirks.

Dies allerdings gefiel den weißen, an die Rassensegregation gewöhnten Einwohnern dieser Stadtteile überhaupt nicht. Analog zu der in den USA immer noch weit verbreiteten rassistischen Ideologie, nach der schon ein Tropfen nicht-weißes Blut den Träger zu einem Nicht-Weißen macht, war in ihren Augen der Einzug auch nur einer schwarzen Familie Beweggrund genug, ihr „einstmals respektables weißes Viertel“ zu verlassen. Doch so ganz ohne weiteres wollte die weiße Bevölkerung ihre Stadtteile nicht aufgeben. Besonders die weißen Gangs jüdischen und italienischen Ursprungs, die damals die organisierte Bandenkriminalität in Los Angeles monopolisierten, wehrten sich gegen die zunehmende „Afrikanisierung“ ihrer Stadtteile. Sie setzten Häuser schwarzer Mitbewohner in Brand, verlangten Entgelte für die Nutzung ihrer Straßen und drangsalierten die afroamerikanische Bevölkerung der weißen Stadtteile, wo sie nur konnten.

Um sich gegen gewalttätige Übergriffe zu schützen, bildeten sich im expandierenden schwarzen South Central so genannte Black Mutual Protection Clubs, d.h. Vereine zur gegenseitigen Gewährleistung der Sicherheit schwarzer Bürger. Zwar gab es diese Vereine schon seit den ersten gewalttätigen rassistischen Aggressionen in den frühen 20ern, doch mit der zunehmenden Anzahl an Afroamerikanern und der damit abnehmenden Anzahl an Weißen in South Central wurden diese Clubs immer stärker. Diese ursprünglich nur dem Selbstschutz dienenden Vereine bildeten übrigens die Basis für die gefürchteten Straßengangs, die Teile von South Central heute terrorisieren.

Des Weiteren las ich, dass im Laufe der Zeit die Gewalt von Seiten der weißen Bevölkerung abnahm, doch die Armut unter der afroamerikanischen Bevölkerung nicht nur blieb, sondern größer wurde. Die schwarze Mittelklasse war aufgrund der rassistischen Übergriffe ohnehin schon weggezogen und der schwarzen Arbeiterklasse wurde innerhalb nur weniger Jahre die Grundlage ihrer Existenz genommen. Erst nahm in den frühen 70ern die vornehmlich von Weißen geleitete Fabrikindustrie in South Central, in der die Mehrzahl der schwarzen Bevölkerung tätig war, immer mehr ab, woraus eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquote in der Gegend entstand. Anfang der 80er begann dann eine Immigrationsschwemme aus Lateinamerika, die dazu führte, dass gewerkschaftlich organisierte Afroamerikaner, die primär im Dienstleistungsbereich in Downtown LA tätig waren, von „weniger anspruchsvollen“ Einwanderern ersetzt wurden. Diese Faktoren führten in der Folgezeit zum totalen wirtschaftlichen Kollaps von South Central. Mit der Armut kamen die Gangs, mit den Gangs kam die Crackepidemie der 80er und mit den Drogen kam die Kriminalität und Verwahrlosung. Als die Rassenunruhen von 1992 in South Central Los Angeles ihren Anfang nahmen, waren die Viertel, die nun unter diese Bezeichnung fielen, das, was sie heute sind, das, was man sich unter dem Begriff „Ghetto“ vorstellt: bitterarm, gefährlich und hoffnungslos.


Rassenfragen

Dies ist die Geschichte, die ich las, über ein South Central, das zwar aus Rassismus geboren war, aber aus ökonomischen Gründen zusammenbrach. Nachdenklich spazierte ich von Lennox zurück nach Inglewood. Die breiten, sonnigen Strassen der Stadt sahen mir so gar nicht nach dem aus, was ich gerade las, gar nicht gefährlich und schon gar nicht hoffnungslos. Die Schulkinder vor mir, die sich sichtlich erleichtert und befreit auf dem Nachhauseweg befanden, waren mir ebenso geheuer wie die hispanische Familie hinter mir, der Sohn die Einkaufstaschen der Mutter tragend. Nur gut, dass der Bengel in all seiner Hoffnungslosigkeit seine Manieren nicht vergaß, dachte ich mir und konnte mir ein leises Lachen nicht verkneifen.

Fast aus Trotz bog ich dann in die nächste Seitenstraße ein, wohl wissend, dass ich nun im Begriff war, das Territorium einer mexikanischen Gang zu durchkreuzen. Doch das änderte nichts am Straßenbild: Schulkinder, Familien und ein paar junge Chicanos, also Männer mexikanischer Herkunft, die in weiten Hosen und weißen T-Shirts gekleidet auf den kniehohen Mauern ihrer Vorgärten saßen und Bier tranken. Dass die roten Kopftücher und ihre Tätowierungen am Hals und im Gesicht Zeichen ihrer Gangzugehörigkeit waren, wusste ich. Doch die Jungs beachteten mich sehr viel weniger als ich, der nun auf der Suche nach der Gefährlichkeit dieses Viertels war, sie.

Immer noch die Strasse entlang schlendernd erinnerte ich mich wieder an die Gespräche, die ich mit den Bewohnern von South Central geführt hatte. Wo in der offiziellen Geschichte dieses Viertels, die ich gerade gelesen hatte, flossen eigentlich ihre Impressionen ein? Wo waren die Berichte von vermeintlich rassistischen Übergriffen der Polizei auf die schwarze Zivilbevölkerung, die einen dokumentierten Teil der Geschichte des Los Angeles Police Departments ausmacht? Ich wollte einfach nicht glauben, dass all dies selbst in abgeschwächter Form immer noch passiert – obwohl ich des Öfteren beobachtete, wie Streifenwagen auf am Straßenrand stehende Gruppen schwarzer Jugendlicher ihre Geschwindigkeit beschleunigend zufuhren, nur um zu sehen, ob die Jungs wegliefen. Liefen diese Jungen weg, weil sie etwas zu verbergen hatten? Oder weil sie Angst hatten? Angst, belästigt zu werden, Angst, provoziert zu werden, Angst, falsch auf diese Provokationen zu reagieren? Angst, nicht als Bürger, sondern als Kriminelle behandelt zu werden? Nichts von dem, was ich las, erklärte, warum die Menschen hier Angst vor der Polizei haben, anstatt sie als ihre Freunde und Helfer zu betrachten.

„Wirtschaftliche Gründe, nicht Rassismus und dessen Folgen, führten zum gesellschaftlichen Zusammenbruch South Centrals“. Dies ist eine historische Behauptung, die nicht wirklich in Einklang mit dem steht, was die Menschen hier als ihre Lebensrealität betrachten. Viele meiner Gesprächspartner berichteten davon, überdurchschnittlich häufig Opfer von willkürlichen Polizeikontrollen zu werden. Gerade in South Central, das polizeilich und gesetzlich als Hochgefahrenzone gilt, haben Polizisten das Recht, jeden Verdächtigen festzuhalten, zu durchsuchen und zur weiteren Vernehmung mit auf die Wache zu nehmen. Sollte die Polizei hier jedoch wirklich nach der Methode der rassistischen Rasterfahndung arbeiten, heißt dies, das jeder junge schwarze Mann in Inglewood, Watts oder Compton verdächtig ist und deswegen verhört und durchsucht werden darf. Dies ist in den Augen vieler Einwohner South Centrals genau der Kern des Problems, denn dass dieses Recht zu einer höheren Verhaftungs- und Überführungsquote Schwarzer gegenüber anderen Rassen führt ist unbestreitbar.

Außerdem stehen Haftstrafen für „typisch schwarze Straftaten“ und „typisch weiße Straftaten“ in keinem Verhältnis zueinander. Zum Beispiel bedeutet mit fünf Gramm Crack, einem mehrheitlich von Schwarzen konsumierten Kokainderivat, erwischt zu werden, für mindestens fünf Jahre hinter Gitter zu wandern. Strafen für den Missbrauch des sehr viel teureren und damit in erster Linie von Weißen konsumierten Kokains allerdings sind sehr viel nachsichtiger. Um für Kokainbesitz fünf Jahre im Gefängnis zu landen, muss man schon ein halbes Kilogramm bei sich führen.

Zu guter Letzt durchläuft das amerikanische Strafvollzugssystem seit einigen Jahrzehnten einen Privatisierungsprozess, woraus folgt, dass steigende Gefängnisauslastung auch zu steigenden Kapitalerträgen führt. Mittlerweile profitieren ganze Städte und Wirtschaftszweige von den hohen Inhaftierungsraten des Landes. Das wiederum hat zur Folge, dass die vom ehemaligen US-Präsidenten Richard Nixon unter dem Kampagnennamen „War on Drugs“ eingeführten Antidrogengesetze eher verschärft als gemildert werden.

Diese Punkte erklären zumindest zum Teil, warum etwa 11% der gesamten schwarzen männlichen Bevölkerung zwischen 25 und 34 Jahren im Gefängnis sitzt, die mit Abstand meisten davon für Drogendelikte. Afroamerikaner, die insgesamt nur 12% der amerikanischen Gesamtbevölkerung ausmachen, stellen fast die Hälfte aller Gefängnisinsassen. Sie begehen nicht mehr Straftaten, sie werden einfach nur öfter als verdächtig betrachtet, kontrolliert, und demzufolge auch verhaftet und Straftaten überführt.

Darüber hinaus gibt es wenig Hoffnung für ebenjene, die wieder entlassen werden. Für so genannte drug felons, also Schwerverbrecher, die mindestens ein Jahr für ein Drogendelikt gesessen haben, gibt es in den USA weder Stipendien, noch Sozialwohnungen, noch Sozialhilfe, und die Wahrscheinlichkeit, eine Arbeit zu finden ist gleich Null. Darüber hinaus verlieren diese Schwerverbrecher ihr Recht zu wählen, und zwar auf Lebenszeit. (Man erinnere sich nur an die amerikanischen Präsidentschaftswahlen von 2000 und 2004, die George W. Bush mit nur wenigen hunderttausend Stimmen Unterschied gewann. Hätten die sage und schreibe 1,5 Millionen nicht zur Wahl berechtigten schwarzen Amerikaner ihn auch gewählt?) Durch diese Gesetze wird diesen Menschen sowohl ihre soziale als auch ihre politische Grundlage genommen. Doch was, frage ich mich, sind Bürger mit eingeschränkten sozialen und politischen Rechten?

In Inglewood angekommen setzte ich mich wieder auf die Mauer, auf der ich vor Wochen noch den Jungen habe vorbeiradeln sehen. In Gedanken vertieft beobachtete ich die Menschen, die an mir vorbeigingen, die Autos, die an mir vorbeirasten. Es deutete alles darauf hin, dass hier etwas Schreckliches geschah, nämlich dass sich South Central in einem Kreislauf aus psychologischen, sozialen, politischen und ökonomischen Faktoren gefangen sieht, den Soziologen „institutionellen Rassismus“ tauften: Armut und Hoffnungslosigkeit schaffen einen Drogenmarkt; polizeiliche Fahndungsmethoden schaffen ein rassenorientiertes Verdächtigungsprofil; ökonomische Gründe schaffen die Notwendigkeit von Inhaftierungen; und die Gesetze des Landes verhindern die Rückkehr aus dem kriminellen ins bürgerliche Leben. Diese Tatsachen gestalten ein South Central, das sich mit dem bloßen Auge nicht erkennen lässt, doch das sich in den Aussagen seiner Bewohner wieder findet. Ein South Central, in dem Generationen von Kindern ohne Väter und Vorbilder leben, ganze Viertel ohne Arbeitskräfte und ganze Stadtteile nicht wahlberechtigt sind. Ein South Central, in dem ganze Gemeinden ohne die jungen schwarzen Männer, die Opfer dieser Lebensrealität werden, in ihrer politischen und sozialen Kraft geschwächt und in ihrer kulturellen Entwicklung gebremst sind. Ein South Central, das wenig Grund zur Hoffnung hat.


Und schon wieder Polizei

Einige Tage später machte ich dann meine eigene Erfahrung mit der Polizei in South Central. Ich spazierte durch ein Gangterritorium in Watts, Schauplatz der Rassenunruhen von 1965, als zwei Polizisten gerade einen jungen Schwarzen festnahmen. Als sie mich die Strasse entlang gehen sahen, unterbrachen sie die Festnahme und sahen leicht verwirrt zu mir herüber. Ich blieb stehen und sah in diesem Augenblick wohl genau so konsterniert aus wie sie. Die Polizistin kam auf mich zu.

Ich wusste genau, was nun kam, denn ich hatte es schon oft genug in Inglewood beobachtet. Ich darf nicht weglaufen, dachte ich mir, wusste aber nicht wirklich warum. Wahrscheinlich denken die Beamten, dass ich Drogen kaufen oder verkaufen will. Außerdem trug ich weder mein Visum noch meinen Personalausweis bei mir, und danach würde ich als Ausländer zumindest gefragt. Ich würde wohl mit auf die Wache kommen, vielleicht sogar über Nacht bleiben müssen, bis meine Personalien geklärt sind. In die Panik, die nun meinen Geist erfüllte, mischte sich trotzdem Erleichterung. Das Verhalten der Polizei hier war also doch keine Rassenfrage. Ich war weiß und trotzdem würde ich denselben Befragungen, Drangsalierungen, Nötigungen ausgesetzt wie die Afroamerikaner, die hier leben. Vielleicht war all dies sogar notwendig, um die berühmte Spreu vom Weizen zu trennen. Woher sollte die Polizei wissen, dass ich nicht zur Spreu gehörte? Sie musste es eben herausfinden. Das gab mir Hoffnung. Hoffnung für dieses Viertel, Hoffnung für South Central, Hoffnung für Los Angeles.

Ich bastelte mir in Gedanken noch Erklärungen und Ausreden zusammen, als mich die Beamtin erreichte und nach dem Grund meines Besuchs des Viertels fragte. Ich antwortete kurz: „I am a German citizen and my business is tourism. I am visiting the Watts Towers.” Die Polizistin sah mich etwas irritiert an, blickte dann demonstrativ auf die Gruppen schwarzer Jugendlicher, die auf den Terrassen ihrer einstöckigen Einfamilienhäuser Bier tranken, Musik hörten und sich mit Würfel- und Kartenspielen die Zeit vertrieben, und bemerkte: „This is a very dangerous neighbourhood and you should not be here. Sir, would you like us to escort you out?

Nichts hätte mich in diesem Augenblick trübseliger machen können als dieses Angebot. Ich schüttelte nur stumm mit dem Kopf und ging weiter.

(Erstveröffentlichung: Die Zeit Online, Juli 2007)

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Weihnachten und Konsum

Die Online-Ausgabe der Rheinischen Post veröffentlichte gestern einen Kommentar zu Weihnachten, der mich leicht irritierte. Eigentlich habe ich mir ja vorgenommen, Zeitungsartikel nicht zu kommentieren, doch heute, am ersten Advent, möchte ich einmal eine Ausnahme machen. Hier also der Link zum Artikel „Der beschleunigte Advent“ von Phillip Holstein und mein Kommentar dazu:

http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/der-beschleunigte-advent-aid-1.3852180

Nach der Lektüre dieses Artikels blicke ich ein wenig perplex drein. Erstens, um das Positive einmal vorwegzunehmen, war ich emotional nicht darauf vorbereitet, einen Artikel in der RPO zu lesen, in dem ein Zitat von Ernst Bloch zu lesen ist oder in dem das Wort „Transzendenz“ vorkommt. Und zweitens haben mich einige Aussagen in diesem Artikel geschockt „Der Kaufrausch wird (…) zur Geste des Miteinanders“? „Einkauf ist Mikrorebellion“? Der Weihnachtsbetrieb hält den Kern des Festes lebendig? Ich frage mich ob des Grundes für diese Thesen. Ist das verleugnende Beschönigung? Möchte der Autor einfach nur mal etwas Kontroverses schreiben, vielleicht auch, weil das „Weihnachtskonsum-Bashing“ medial ein weit verbreitetes vorweihnachtliches Ritual ist? Oder verfolgt er, wie mein Vorkommentator meint, unausgesprochene (ideologische) Ziele, die mir hier nicht klar werden?

Unser Konsumverhalten ist der Hauptgrund dafür, dass spätkapitalistische Gesellschaften immer einsamere, emotional immer isoliertere und zunehmend sinn- und selbstentfremdete Menschen hervorbringen. Einen Kaufrausch als Geste des Miteinanders zu bezeichnen ist nicht nur sehr weit hergeholt, sondern auch eine grobe Fahrlässigkeit, weil er eine Verniedlichung dieser fatalen sozialpsychologischen Entwicklung darstellt.

Die Aussage, dass Einkauf eine Art Mikrorebellion (gegen den Konsum) darstelle ist sowohl einfältig als auch falsch. Einfältig ist sie, weil ich nur mit einer gehörigen Portion Verleugnung glauben kann, dass spezieller Konsum Kritik am generellen Konsum sein kann. (Vielleicht gehe ich mit meinen Kindern demnächst nach McDonalds, damit unsere Eßerfahrung als Familie als Kritik an der ausbeuterischen Unternehmensführung des Konzerns dienen kann. Das ist offensichtlich Unsinn.) Und falsch ist sie, weil das, was der Weihnachtskonsum-Kritiker ausdrücken möchte, hier völlig übersehen wird: nämlich die Kritik an der unausgesprochenen Kapitalismusprämisse, dass es keine Werte gibt, die den Konsum an sich transzendieren. Die „Beseelung der konsumierten Dinge“, von denen der Autor spricht, ist doch genau das, was so fatal an unserem Überkonsum ist! Denn der Weg der Zuneigung führt im Konsum vom Mensch zum Ding. Wir verlieren alle anderen Wege, um einander unsere Wertschätzung zu zeigen. Schon unsere Kinder erziehen wir, dass sie an Weihnachten die Dinge lieben lernen, die sie geschenkt bekommen, und nicht das, was Weihnachten wirklich ausmacht. Der Konsum ist somit nicht bloß Ausdruck unserer Werte, sondern er ersetzt sie.

Ich kann Kritik am Konsum, der mit dem Weihnachtsfest assoziiert wird, nur üben, wenn ich ihm Werte entgegensetze, die das Fest besser beschreiben: Nächstenliebe, die Stärkung tiefer emotionaler Beziehung, Dankbarkeit für das, was man hat und ein gesteigertes Bewusstsein dafür, dass es viele Menschen gibt, die unsere Hilfe benötigen, in welcher Hinsicht auch immer. Ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen ist nicht nur die langweiligste Möglichkeit, diese Werte in die Welt zu tragen; es steht auch im Gegensatz zu einigen dieser Werte.

Der Autor hat doch ein Gespür für die Tiefe des Festes, und somit auch ein Gespür dafür, was in unserem Miteinander zu oft zu kurz kommt; er drückt dieses immer wieder in Nebensätzen und gegen Ende des Artikels auch in mehreren ganzen Absätzen aus. Woher also kommen die äußerst unglücklichen kapitalistischen Thesen?

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Life on the wire

Heute gibt es zur Abwechslung mal etwas Motivierendes. Wir werden alle sterben. Die Vergänglichkeit allen Seins, unser aller Tod, ist die einzige absolute Sicherheit unserer Existenz, die einzig wirklich wichtige Tatsache unseres Daseins, das Faktum, das uns alle betrifft. Und das ist – wie ich heute argumentieren möchte – wundervoll.

Denn nur der Tod gibt dem Leben einen Sinn. Diese These mag einleuchtend und verwirrend zugleich sein, weswegen ich zu einem späteren Zeitpunkt intensiver auf die Idee des Todes als logisch notwendige Bedingung für Lebens-Sinn eingehen möchte. Für heute reicht folgende Feststellung: da der Tod die permanente Beschränkung unserer Lebenszeit darstellt, wertet er jeden einzelnen Augenblick dieser Lebenszeit auf. Dieses eine Leben, das wir haben, und jeder einzelne Moment darin, ist nicht reproduzierbar, nicht wiederholbar, ein einmaliges Geschenk, dessen Würdigung es bedarf. Folglich ist das Bewusstsein des Todes gleichzeitig das Bewusstsein um die Bedeutung des gegenwärtigen Moments. Die Unausweichlichkeit unseres Todes ist die faktische Aufforderung, das eigene Leben so reich wie möglich zu gestalten und sich auf die Suche nach den Dingen zu begeben, die wirklich wichtig sind. Somit ist die Tatsache, dass wir alle sterblich sind, ein Grund zur puren Freude. Denn was kann schöner sein als die Gewissheit, jetzt, in diesem Moment, in jedem Moment, einen Augenblick von existentieller Wichtigkeit zu erleben?

Das ist soweit keine Neuigkeit. Gerade deswegen ist es überraschend, dass die westliche Kultur den Bezug zum Tod völlig verloren hat. Mehr noch: der Tod ist das letzte große Tabuthema unserer Zeit. Der Tod ist, dem englischen Idiom zufolge, der Elefant im Raum, über den nicht gesprochen wird. Wir wollen nichts damit zu tun haben, denn er kommt ja scheinbar für jeden früh genug. Wir fühlen uns unsicher und seltsam berührt, wenn wir mit dem Tod konfrontiert werden, ist er doch die graue Wolke am strahlenden Lebenshimmel, die den Geist zu verdunkeln droht. Wir trauern leise und einsam; wir sind zurückhaltend und pietätvoll, wenn es um den Verlust anderer Trauernder geht; wir sprechen nicht über unsere eigene Vergänglichkeit und über die Gefühle, die Ängste, die sie in uns weckt. Selbst die Wissenschaften, die sich mit dem Tod auseinandersetzen müssten – Philosophie, Theologie, Psychologie – schenken dem Tod und seiner Bedeutung für unser Leben verglichen mit seiner Wichtigkeit disproportional wenig theoretische Aufmerksamkeit.

Ich meine damit nicht, dass der Tod nicht allgegenwärtig ist. Natürlich sind die Schlagzeilen voll von Berichten über Todesopfer, die von Naturkatastrophen, Kriegen, Morden oder anderen Tragödien gefordert werden; und natürlich gibt es in jedem Krimi einen Mordfall aufzuklären. Doch die Auseinandersetzung mit dem Tod ist hier keine persönliche. Wir sehen den Tod als etwas Externes, etwas, was anderen passiert, etwas, dass Bestandteil der Welt, und nicht notwendiger Bestandteil unseres eigenen Lebens, ist. Wir fragen uns nicht, was es für unser gegenwärtiges Leben bedeutet, dass es ein permanentes Ende hat. Und genau das ist die Frage, die wir uns stellen müssen, damit wir den Tod als größtes Geschenk unseres Lebens, nämlich als die unendliche Aufwertung des Jetzt, verstehen.

Ein weiterer Einwand könnte lauten, dass unsere Kultur auf dem Fundament einer christlichen Weltanschauung basiert, und wir deshalb sogar eine besonders starke Auseinandersetzung mit dem Tod pflegen. Was sonst sollte die Hoffnung auf die Existenz eines jenseitigen Lebens sein? Selbst nicht-religiöse Menschen glauben an ein Leben nach dem Tod, an die Unsterblichkeit der Seele, vielleicht an Reinkarnation oder ähnliches. Ich habe Respekt vor jedem religiösen Menschen und seinem Glauben, und es liegt mir fern, gläubigen Menschen vor den Kopf zu stoßen. Dennoch möchte ich festhalten, dass der Glaube an ein Jenseits keine Auseinandersetzung mit dem Tod, sondern dessen unverkennbare Verleugnung ist. Wenn ich daran glaube, nach meinem Tod weiterzuleben, dann besteht überhaupt kein Grund für mich, mir Gedanken darüber zu machen, welchen Wert die Gegenwart für mich hat. Ich lebe ja in Unendlichkeit. Der Tod ist somit eine Art Umzug: ich, das Ding, das weiterlebt, das den eigenen körperlichen Tod überlebt, ziehe hier aber nicht in ein neues Haus, sondern in einen neuen Lebensaggregatzustand, über dessen Essenz sich Theologen streiten. Die Einzelheiten sind hier nicht von Bedeutung. Es ist auch nicht von Bedeutung, welche Funktion die christliche Moralphilosophie dem Diesseits zuschreibt. Wichtig ist der Grundgedanke des Überlebens des Todes, der katastrophale Auswirkungen auf unsere nun fehlende Würdigung des gegenwärtigen Moments hat.

Und so leben wir, bis wir uns gezwungen sehen, dieser unveränderlichen Tatsache ins Auge zu blicken, in Verleugnung der eigenen Sterblichkeit. Vielleicht denken wir nicht bewusst, dass wir unsterblich sind; doch unbewusst agieren und fühlen wir so, als wäre die Zeit, die noch vor uns liegt, unendlich. Wir sparen für die Zukunft, sorgen uns um die Sicherheit unserer Arbeitsplätze, betrinken uns, bis wir nichts mehr fühlen, schieben unsere Träume auf und idealisieren zukünftige Zustände. „Wenn ich diese Lebensphase, das Studium, die Einarbeitung in den neuen Job erledigt habe; wenn die Kinder größer sind, die Ehekrise überwunden, die Rente erreicht, das Eigenheim bezahlt und die Summe X angespart ist, dann starte ich durch; dann beginne ich zu leben“. Und so hangeln wir uns von Lebensphase zu Lebensphase, gehetzt, gestresst, unbefriedigt. Wir leben in einem permanenten Zustand der Prokrastination und der Hoffnung auf die Zukunft, der uns die Wirklichkeit und die Wichtigkeit der Gegenwart raubt. Und somit leben wir nicht, sondern sind bloß Mitwirkende am eigenen Sterben. Denn wirkliches Leben geschieht nur im Moment und nur im Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit.

Damit meine ich nicht, dass Ungeduld zum neuen Lebensgefühl werden soll. Die Erfüllung von Träumen, das menschliche Wachsen und das Aufbauen gefühlvoller, tiefer zwischenmenschlicher Beziehungen dauern Zeit und folgen oft einer Laufbahn, über die wir keine Kontrolle übernehmen und die wir nicht eigenhändig beschleunigen können. Sie geschehen einfach, wenn wir unser Augenmerk auf sie richten. Die Frage ist immer: ist mir das, was ich gerade tue, das Verbrauchen von Lebenszeit wirklich wert? Lohnt es sich, so viel Zeit in den Job zu investieren, den ich gerade mache? Brauche ich die neue Anschaffung – das Auto, den Fernseher, die Klamotten oder das Handy – wirklich? Gibt es jemanden, den ich liebe, der es noch nicht weiß oder dem ich es schon länger nicht mehr gezeigt habe? Wem habe ich heute etwas Gutes getan? Habe ich noch Träume, die auf ihre Erfüllung warten? Wir dürfen die Meßlatte für unser Leben ruhig hoch anlegen, denn wir zahlen den höchsten Preis dafür, der möglich ist.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit zu stärken. Manchen Menschen hilft es, sich selbst einen Nachruf zu schreiben, um die eigenen Ziele und Träume klarer in den Fokus zu rücken. Morbidere Charaktere (wie der Autor dieses Artikels) überlegen sich, wie alt sie werden, und zählen dann die Tage rückwärts, die ihnen noch bleiben, um der Mensch zu werden, der sie werden wollen. Was wir auch tun, das Ziel muss sein, dass wir uns auf die Suche begeben: danach, was uns wichtig ist; danach, was wir lieben; danach, was wir mit voller Begeisterung und kindgleicher Hingabe tun. Nach der Fähigkeit in uns, volles Risiko zu gehen, auch wenn wir damit auf die Schnauze fallen könnten. Der Tod gibt uns eine Perspektive, aus der es uns möglich ist, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Er schafft Distanz, nämlich von all dem kleinen Mist, den wir nicht brauchen: Angst vor Blamagen, Wut auf den Arbeitskollegen, lähmender Besitz, Streit mit Familienangehörigen, Betäubung durch Substanzen, Selbstgerechtigkeit, falscher Stolz, sorgenvolle Blicke in die Zukunft. Wenn wir am Ende unseres Lebens stehen, dann sind es nämlich nicht die Blamagen oder die Misserfolge, die wir bereuen. Es sind die Chancen, die wir nicht nutzten und die Möglichkeiten, die wir nicht wahrnahmen.

Der deutsch-amerikanische Hochseilakrobat Karl Wallenda soll einmal gesagt haben: „life is on the wire, the rest is just waiting“. Es ist an der Zeit, nicht mehr zu warten, sondern auf das Seil des Lebens zu steigen.

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Fankultur in England

Wenn die Bengalen brennen, die Fäuste fliegen und Tränengas in der Luft liegt, dann ertönen sie wieder, jene Rufe nach mehr Sicherheit und mehr Kontrolle in den Stadien der Republik. Nach höheren Strafen, strengeren Regeln, nach der starken Hand, die uns Frieden und Freiheit im Stadion beschert. Im Mutterland des Fußballs wurden diese Rufe erhört und seitdem geht es in der Tat friedlicher und sicherer zu als jemals zuvor in der 150-jährigen Geschichte des englischen Fußballs. Kann England ein Vorbild für die Entwicklung des deutschen Fußballs sein? Welchen Preis musste England für seine sicheren Stadien bezahlen? Eine ernüchternde Bilanz.

Der gemeine Fußballromantiker pflegt von der Atmosphäre in den englischen Stadien zu schwärmen, von lautstarken Fangesängen, Hexenkesseln und von der Unterstützung der eigenen Mannschaft nach alter englischer Schule. Doch die Realität in den Stadien auf der Insel sieht anders aus, denn fantechnisch steckt der englische Fußball seit etwa 25 Jahren in einer Krise. Wie kam es dazu?

Der Umbruch im englischen Fußball begann mit den drei großen Stadionkatastrophen aus den Jahren 1985 bis 1989 in Bradford, Brüssel und Hillsborough, bei denen 191 Menschen ums Leben kamen und 1485 weitere verletzt wurden. Um zukünftig die Sicherheit bei Sportveranstaltungen gewährleisten zu können sprach eine unabhängige Kommission Empfehlungen an die britische Regierung aus, die 1989 unter dem Titel „Taylor Report“ veröffentlicht wurden. Die britische Regierung reagierte daraufhin mit einem Maßnahmepaket, das den englischen Fußball für immer verändern sollte. Alle Stehplatzsektionen in den Stadien wurden abgeschafft und den Vereinen wurde auferlegt, ihre Eintrittspreis- und Ticketabgabestrukturen grundlegend zu verändern.

So traurig die Ursache dieser Änderungen, so tief greifend war der Einschnitt, den die englische Fankultur zu spüren bekam. Die Eintrittspreise explodierten, so dass sich die eigentlichen Eigner des Sports, die Arbeiter, den Stadionbesuch nicht mehr leisten konnten. Auf jede Art der Sicherheitsgefährdung wurde mit Panik reagiert, was zu immer schärferen Gesetzen, immer härteren Strafen und immer längeren Stadionverboten führte. Und anstatt nach der Modernisierung der Stadien über die Jahre eine moderatere Linie zu fahren entschieden sich britische Regierung und FA, die Kultivierung einer neuen Art des Fanseins voranzutreiben, nämlich die des Fans nach amerikanischem Stil, von dem wenig Gefahr ausging, gleichzeitig  aber hohe Einnahmen zu erwarten waren. Dessen Interessen galt es von nun an zu sichern.

Beispiel FC Arsenal. Wie jedes andere Stadion der Premier League besitzt das Emirates-Stadium ausschließlich Sitzplätze und wie in jedem anderen Stadion auch ist es verboten, im Sitzplatzbereich zu stehen. Uneinsichtigen Stehern im Sitzplatzbereich sowie Besuchern, die einem „unangemessenen Verhalten“ (wie Fluchen oder Beleidigen)  schuldig werden drohen einmalige Stadionverweise, Wiederholungstätern gar Stadionverbote. Doch der FC Arsenal geht noch einen Schritt weiter und bietet seinen Fans folgenden Service an: über eine eigens für Stadionbesucher eingerichtete Telefonhotline können Fans im Stadion per SMS oder Anruf Beschwerden an die verantwortlichen Stewards senden, damit diese die Übeltäter zurechtweisen oder umgehend aus dem Verkehr ziehen können.

Beispiel FC Middlesbrough. Im Februar 2009 wandte sich die Sicherheitsbeauftragte Sue Watson mit einem offenen Brief an die Besucher des Fanbereichs und forderte diese auf, ruhigere Fans doch bitte nicht mit Lärm zu belästigen, wenn gerade kein Tor für die Heimmannschaft fällt. Es hatte Beschwerden von anderen Fans über die Lautstärke der Gesänge und ein permanentes „Geklopfe“ aus dem Fanbereich gegeben.

Manch einer mag sich fragen, warum das denn alles so schlimm sei. Sicherheit hat eben seinen Preis – und fußballerische Qualität ebenso. Dann sitzen wir Fans eben und zahlen halt ein paar Mark mehr, doch dafür dürfen wir bei garantierter Sicherheit und friedlicher Atmosphäre Fußballgiganten wie Rooney, Drogba, Henry oder Gerrard zujubeln. Schöner kann es doch gar nicht sein. Oder?

Was hier vergessen wird sind die gesellschaftlichen Auswirkungen, die die Entwicklung der englischen Fankultur hat. In England kann der Fußball seine Aufgabe, nicht nur Freude zu bereiten, sondern auch soziale Brücken zu bauen, nicht mehr erfüllen. In Deutschland stehen Anwälte mit Arbeitern in der Kurve, Studenten mit Hartz4-Empfängern, Schüler mit Rentnern, und alle singen, jubeln und trauern gemeinsam. Oft haben deutsche Fans eine Dauerkarte, treffen sich allwöchentlich bei Heim- und Auswärtsspielen, bringen sich in Fanprojekten ein oder organisieren sich in Fanclubs. Sie veranstalten Partys oder Familientage, oder sie organisieren Informationsveranstaltungen zu den Themen, die ihnen wichtig sind. Arme und reiche, schwarze und weiße, große und kleine Menschen kommen so zusammen und kreieren einen Lebensraum, einen Fan-Mikrokosmos, in dem sie sich frei bewegen können und in dem sie bestimmen können, wer sie sind und was sie sein wollen.

Diese Fankultur ist bei uns – mehr oder weniger – lebendig, und die Gründe dafür sind offensichtlich: Mitbestimmungsrecht in eingetragenen Vereinen, bezahlbare Eintrittspreise auch für junge und arme Menschen, Stehplätze, Selbstverwaltung der Kurve und Freiheit in den identitätsbildenden Stilmitteln, zu denen unter anderem Zaunfahnen, Gesänge, Choreographien und Transparente zählen. In England fehlen die Grundlagen für diese Art der dynamischen und freien Fankultur, und zwar gänzlich. Fans mit Leib und Seele können sich zumeist den Besuch aller Spiele in einer Saison nicht mehr leisten oder sie wurden schon vor Jahren mit einem vieljährigen oder lebenslangen Stadionverbot belegt. Wenn sie sich die Eintrittspreise leisten können, dann zumeist nicht oft genug, um die Stabilität zu garantieren, die die Entwicklung einer Fankultur benötigt. Gleichzeitig aber nimmt die Anzahl jener Stadiongänger zu, für die ein Stadionbesuch ein Statussymbol und ein Fußballspiel ein Event ist. Das Ende vom Lied ist eine Masse an Woche für Woche ausverkauften Stimmungsgräbern, für die, um polemisch zu sprechen, selbst Leverkusener Stadionatmosphäre ein Gewinn wäre.

Doch die Fankultur selbst verschwindet nicht, sie verlagert sich nur, nämlich in die Pubs und Bars des Landes. Und dort ist sie den Einflüssen der lokalen Kneipenkultur unterworfen. Alkohol- und Drogenmissbrauch, ein erschwerter Stand für Frauen und Kinder, latente Gewaltbereitschaft und die pubtypische Segregation zwischen Arm und Reich verhindern, dass eine Fankultur blüht oder sich so etwas wie eine Fanszene entwickelt. Und ebendort, in den Pubs und Bars von London bis Manchester, so das ernüchternde Fazit des Schreibers, liegt die englische Fankultur begraben.

Wie also sind die Zukunftsaussichten der freien Fankultur in Deutschland? Erwarten uns bald englische Verhältnisse? Droht die Fankultur, so wie wir sie kennen, auf lange Sicht gesehen auszusterben?

Dem mittlerweile salonfähigen Pessimismus in Fankreisen zum Trotz muss die Antwort darauf ganz klar „Nein“ lauten. Der Fußball in Deutschland unterliegt, und unterlag schon immer, grundsätzlich anderen gesellschaftlichen Einflüssen als in England. Wir hatten nicht mit den Nachwirkungen einer Klassengesellschaft zu kämpfen; Ghetto-Bildungen von zehntausenden Einwohnern wie in London, Birmingham oder den Industriestädten des Nordens sind uns weitestgehend unbekannt; wir mussten nie ein Bradford, ein Heysel oder ein Hillsborough erleben; in Deutschland hat es Ausschreitungen der Größenordnung, die in England bis in die 90er-Jahre gang und gäbe waren, nie gegeben; und wir wehren uns immer noch tapfer gegen die vollständige Verkapitalisierung unserer Fußballvereine.

Auch wenn nicht alles rosig ist, so haben wir in Deutschland Freiheiten, die nicht selbstverständlich sind und für die es sich zu kämpfen lohnt. Freiheit ist immer etwas Zartes, Unschuldiges, etwas Zerbrechliches, das der Wucht und Härte von konservativem Sicherheitsdenken und kompromissloser Profitmaximierung nicht gewachsen ist. Es ist unsere Aufgabe, diese Freiheit zu beschützen.

(Erstveröffentlichung: Inside SCD, Ausgabe 02/2012, Supporters Club Düsseldorf 2003 e. V.)

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Kopfmensch in Bauchwelt

Kopfmenschen sind manchmal ein wenig komisch. Geht es um emotionale Dinge oder oberflächliche Gespräche, dann wirken sie oft hilflos und ungeschickt. In großen Gruppen gehen sie meist unter und ziehen sich in sich selbst zurück, wenn sie nicht eine Strategie, eine zweite Persönlichkeit, entwickelt haben, um mit Situationen dieser Art umzugehen. Sie sind zumeist introvertiert, manchmal ein bisschen skurril und tollpatschig. Für viele sind sie sonderbare Streber, für andere arrogante Besserwisser. Sie mögen Fakten, Theorien, Objekte und Ideen. Oft wirken sie kalt und rational, manchmal schüchtern, manchmal unnahbar. Sie brauchen länger, um sich in neuen Situationen zurechtzufinden, sind perfektionistisch, müssen ihre Privatsphäre selbst kontrollieren können und haben ein gesteigertes Bedürfnis danach, alleine zu sein. Sie sind oft völlig desinteressiert, wenn es um Dinge geht, für die sich die meisten interessieren, doch höchst eigen und sensibel, wenn es um moralische Fragen oder um das Thema geht, das sie gerade beschäftigt. In einer lauten Welt, in der jeder schreit, um gehört zu werden, sind sie leise, ganz leise, obwohl sie so viel zu sagen hätten.

Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, dass ich ein Kopfmensch bin. Ich bin glücklich damit und kann es genießen. Doch das war nicht immer so. Viele Jahre lang habe ich mich dafür geschämt, mich gefragt, was mit mir los ist. Warum bin ich nicht so spontan wie die anderen und warum reagiere ich so extrem auf gewisse Grenzüberschreitungen? Warum brauche ich so viel Zeit für mich? Bin ich nicht ganz normal, wenn ich lieber alleine vor dem Computer oder schreibend vor meinem Tagebuch sitze, statt mit den anderen feiern zu gehen? Und warum brauchte ich in der Vergangenheit oft Alkohol, um mich anderen Menschen zu öffnen und mich für sie zu interessieren? Heute weiß ich, dass ich normal bin. Ein ganz normaler Kopfmensch eben. Und für Menschen, die auch so sind, schreibe ich diesen Blog: für andere Kopfmenschen, die Tag für Tag versuchen, sich in einer Bauchwelt zurechtzufinden. Für Menschen, die gerne nachdenken und die sich dafür interessieren, warum die Welt so ist, wie sie ist, und warum wir tun, was wir tun. Ich schreibe diesen Blog, weil mich Oberflächlichkeit langweilt und Smalltalk und Gossip in höchstem Maße ermüden; weil ich traurig darüber bin, dass es so viele introvertierte und höchst intelligente Menschen gibt, die sich immer schwieriger in dieser Welt des Glanzes, des Scheins und des Konsums zurechtfinden. Ich schreibe diesen Blog (und ich benutze das Maskulinum, weil sich das Neutrum in meinem Kopf falsch anhört), weil ich mich in mir selbst einsam fühle und keine Rolle mehr spielen möchte; weil ich mich gerne über Dinge austauschen möchte, die wichtig und wertvoll sind; und weil ich andere Menschen, denen es ähnlich geht, wissen lassen möchte, dass ich dankbar dafür bin, dass es sie gibt.

Nicht ganz unüberraschend beobachte ich die Dinge, mit denen ich mich in diesem Blog befasse, durch die Brille der Intellektualität. Sie ist meine Brücke ins Leben, mein Filter, mithilfe dessen ich Wichtiges von Unwichtigem trenne. Ich rationalisiere, intellektualisiere, untersuche und analysiere; ich prüfe, wie sich die Dinge in größere Zusammenhänge einordnen lassen, geschichtlich, soziologisch, anthropologisch; ob sie moralische, wissenschaftliche oder logische Komplikationen aufweisen; welche psychologischen Grundsätze unserem Fühlen, Denken und Handeln zugrunde liegen; ich suche nach dem, was die Dinge wichtig macht, was ihnen einen Sinn gibt, warum sie den Wert besitzen, den wir ihnen zuweisen. Das ist mein Ding. Jeder Mensch hat „sein Ding“ und am glücklichsten leben wir, wenn wir „unser Ding“ in Einklang mit dem Rest unseres Lebens bringen. Dabei ist es gar nicht so wichtig, wie gut wir es machen, sondern nur, dass wir es überhaupt tun. Ich bin (mittlerweile) mit meinem Ding sehr glücklich und ich hoffe, dass ich mit diesem Blog Menschen erreiche, die ähnlich fühlen und denken, wie ich es tue. Euch möchte ich sagen: Bleibt, wie Ihr seid – oder werdet, wie Ihr sein müsst.

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