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Sargnagel TTIP

Griechenland überschattet alles. Auch die TTIP-Wahl vor dem EU-Parlament vergangene Woche. Dabei könnte es für uns kein wichtigeres Thema geben. Wegen mir soll die gesamte europäische Idee zum Teufel gehen, wenn wir dafür einen Prozess aufhalten könnten, der vor 700 Jahren in den italienischen Handelsstädten begann und der uns heute aufzufressen droht.

Hunderte verschiedener Handelsabkommen haben die 28 Länder der Europäischen Union in ihrer Geschichte schon abgeschlossen. TTIP ist nur eines davon. Und doch ist es ein Besonderes. Denn es gibt eine Richtung vor, in die sich unsere Welt in der Zukunft entwickeln wird. Und diese Richtung heißt, das kann man völlig ideologiefrei behaupten: mehr Kapitalismus.

Glaubt man der Europäischen Kommission, dann sind die Horror-Mythen über TTIP falsch. Es bringe weder Chlorhühnchen über uns, noch Fleisch von hormonbehandelten Rindern oder geklonten Tieren. Und auch eine Massen-Zwangsausgliederung öffentlicher Dienstleistungen in den privaten Sektor werde es nicht geben. Das beruhigt einige Menschen. Doch es lenkt die Aufmerksamkeit weg vom eigentlichen Problem eines solchen Freihandelsabkommens.

Dieses Problem betrifft die Art von Leben, die wir uns für uns vorstellen. Wollen wir in einer Welt leben, in der mit aller Macht der Weg frei geräumt wird für mehr Handel und Konsum? Denn für eines wird TTIP mit Sicherheit sorgen: für einen größeren Konkurrenzkampf in jeder einzelnen Branche. Und für noch schärfere Marktbedingungen, mit all jenen Folgen, die schon das „sozial“ in „sozialer Marktwirtschaft“ haben schrumpfen lassen.

Natürlich werden Expansions-Chancen und Wirtschaftswachstum gesteigert. Doch wer expandiert, was wächst? Schließlich ist selbst der globale Markt nicht unendlich groß. Und alles, was ich gewinne, das verliert ein Anderer. Die Frage ist: Wer ist dieser Andere?

Der Andere, das sind viele. Das sind Sie und ich, wenn wir bedenken, dass ein Einfuhrzoll nicht nur eine Handelsbarriere für ein Unternehmen ist. Er ist auch eine staatliche Einnahmequelle, aus der unser Gesundheits- und Bildungssystem bezahlt wird. Schließlich nimmt der Zoll mit 129 Milliarden Euro pro Jahr die Hälfte der gesamten Steuereinnahmen des Bundes ein.

Der Andere, das sind die expandierenden Wirtschaftsmächte des Osten und Südens, denen nun ein euro-amerikanisches Wirtschafts-Kaltkrieg-Denken entgegenschlägt.

Der Andere, das sind die Staaten Afrikas, Südamerikas und des Mittleren Ostens, die unter den verschärften Wettbewerbsbedingungen leiden.

Und tatsächlich betrifft das Aufheben von Handelsgrenzen ohnehin nur die, die an diese Grenzen stoßen. Wenn wir eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 200 km/h aufheben, dann müssen Sie erst mal ein Auto fahren, das 200 km/h fährt. Es verdienen nur solche Unternehmen an Handelserleichterungen, die sich ohnehin schon auf dem Weltmarkt platziert haben.

Dieser Bullshit des Profitierens von kleinen und mittelständischen Unternehmen von TTIP, den insbesondere CDU und SPD tagtäglich runterbeten, ist schlicht und ergreifend genau das: Bullshit. Die Bauern und mittelständischen Unternehmen Mexikos hatten ähnliche Hoffnungen, als ihnen vor dem Handelsabkommen NAFTA zwischen den USA und Mexiko das Blaue vom Himmel versprochen wurde. Sie können sich ja heute, 20 Jahre danach, selbst ein Bild davon machen, wem NAFTA wirklich genutzt hat.

TTIP ist gleichbedeutend mit der Zementierung eines Systems, das immer mehr Menschen ausbeutet und an dem immer weniger Menschen verdienen. Das mag eine Phrase sein, doch das nimmt ihr nicht ihre Wahrheit. Einfach mehr Kapitalismus. Das ist die Folge von TTIP.

Sie entscheiden selbst, ob sie in einer solchen Welt leben wollen. Ich jedenfalls will es nicht.

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Vegas, baby!

Wie eine Fata Morgana erscheint Las Vegas auf einmal am Horizont, erst nur als heiß-feucht schimmernder Schweif in mitten der Wüste, die wir nun schon seit mehreren Stunden durchfahren. Es ist heiß, sehr heiß, und ich bin mir nicht sicher, ob es sich nicht wieder nur um eine Luftspiegelung handelt oder ob dies tatsächlich Fabulous Las Vegas ist, die Stadt der Sünde, Spielerparadies, Partystadt der Reichen und Schönen, die Metropole, die jedes Jahr von 37 Millionen Menschen besucht wird. Erst als ich die Türme und Säulen der Hotelkasinokolosse erkenne traue ich meinen Augen.

Vor etwa 70 Jahren noch war dieser Ort eine kleine Wüstensiedlung mit nur wenigen hundert Einwohnern. In den 40ern und 50ern dann entdeckten die Mafiabosse der Ostküste das legale Glücksspiel, und damit die kleine Ortschaft im Niemandsland, als ideale Gelegenheit zur Geldwäsche. Als der New Yorker Gangster Bugsy Siegel 1945 das erste Hotelkasino der Stadt bauen ließ (und zwei Jahre später von der Cosa Nostra ermordet wurde, weil es nicht lukrativ war), hätte niemand ahnen können, dass aus dem damals 20.000 Einwohner zählenden Wüstendorf eine Spielermetropole heutigen Ausmaßes werden könnte. Heute sind die Worte „Hotel“ und „Kasino“ hier identisch und 15 der 20 größten Hotels der Welt, gemessen an der Anzahl der Zimmer, stehen in Las Vegas.

Doch die Expansion der Stadt ist keineswegs nur eine historische Tatsache, denn selbst heute noch ist Las Vegas die Stadt mit der höchsten Wachstumsrate in den Vereinigten Staaten. In nur 17 Jahren hat sich die Einwohnerzahl mehr als verdoppelt: zählte Las Vegas 1990 noch 260.000 Einwohner leben heute bereits fast 600.000 Menschen in der Stadt, und zurzeit kommen jährlich, wenn man die Vororte der Metropolregion mit einbezieht, fast 100.000 Neubürger dazu. Dies ist nicht nur für deutsche Verhältnisse ein utopisches Bevölkerungswachstum, denn keine der 40 größten deutschen Städte verzeichnet gegenwärtig eine jährliche Wachstumsrate von mehr als einem Prozent. Auch in den USA nimmt die großstädtische Bevölkerung in der Regel nur sehr schleppend zu und in vielen Fällen sogar ab.

Was also ist es, das die Menschen in diesem Ausmaß in ihren Bann zieht? In erster Linie ist es natürlich der Rummelplatz, der sich Las Vegas Boulevard, oder einfach nur The Strip nennt, eine etwa 7 Kilometer lange Strasse, die sich quer durch die Stadt zieht. Hier reihen sich die heutigen Hotelkasinos aneinander, diese gigantischen Themenparks, deren Architektur und Ausstattung zumeist einem bestimmten Motiv folgen. Das „Paris“ zum Beispiel verfügt über einen eigenen Eiffelturm, im Maßstab von 1:2 zum Original, der sich auf Nachbauten der Pariser Oper und des Louvre stützt. Das „Luxor Hotel“ ist eine 106 Meter hohe Glaspyramide, vor der sich die Große Sphinx von Gizeh, natürlich in ihrem unbeschädigten Urzustand, in der Sonne rekelt. Das „Bellagio“ ist der italienischen Landschaft um den Comer See nachempfunden und das „Excalibur“ ist im Stile eines Märchenschlosses erbaut. Jedes dieser Hotels verfügt über mehrere tausend Zimmer, mehrere Kasinos und Schwimmbäder, Einkaufszentren und Achterbahnen durch Innen- und Außenräume. Weitere Kasino-Highlights sind zum Beispiel der feuerspeiende Vulkan des „Mirage“, die abendliche Piratenschlacht am Fuße des „Treasure Island“ oder die Wasserfontänen des „Bellagio“, die nach Musikstücken tanzen. Außerdem ist Las Vegas eine der wenigen Städte Amerikas, in der überall geraucht werden darf und in der Alkohol rund um die Uhr ausgeschenkt wird – für Spieler in Kasinos natürlich umsonst.

Doch wie fühlt sich eine stadtgewordene Fantasiewelt an? Wie gefällt sie? Nun, was auch immer man mitbringen muss, um Las Vegas zu mögen, ich hatte einfach nicht genügend davon dabei. Zwar ist Vegas überwältigend, im buchstäblichen Sinne fabelhaft, ein Stadtspektakel, das in der Welt seinesgleichen sucht. Doch leider ist das auch schon alles. Las Vegas ist eben nicht mehr als eine überdimensionale Seifenblase, ein großstädtischer Rummelplatz, auf dem die Paris Hiltons dieser Welt sich zu tummeln suchen. Es ist eine vermeintlich große, aber in Wirklichkeit erbärmlich kleine Welt, eine Welt des Scheins, der Täuschung, des Blendwerkes. In dieser Welt spielt jeder und alles wirklich jedem und allem etwas vor: der Croupier dem Spieler, der Alkohol dem Geist, der bejahrte SLK-Mietwagenfahrer der silikonisierten Blondine an der Bar. In diesem Sinne verkörpert Las Vegas alles das, was so mancher als die verwerflichen Wesensmerkmale des so genannten American Way sieht. Es ist ein Konglomerat aus Trivialität und Selbstzufriedenheit, eine Scheinwelt, die sich unaufhörlich selbst feiert, ohne dabei ihre eigene Belanglosigkeit zu erkennen. Die Stadt verkörpert damit die schlimmste Art der Ignoranz, nämlich jene, die das Wissen um die eigene Unwichtigkeit verbietet und Bescheidenheit und Demut verhindert. Natürlich ist nichts von alledem an sich beklagenswert, wenn dies nur Charaktereigenschaften einer Stadt, und nicht auch von Menschen wären. Doch Las Vegas ist zu gebieterisch, zu aufbürdend, als dass ihr Wesen nicht auch auf uns Besucher abfärben würde. Und so macht Las Vegas aus uns genau das, was wir nüchtern, eben wenn wir uns nicht vom Glanze dieser Stadt berauscht sehen, als schimpflich, würdelos, vielleicht sogar abstoßend  empfinden.

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South Central Los Angeles

Es ist Freitagmorgen, 11.15 Uhr, Century Boulevard, eine der Hauptstrassen der etwa 120.000 Einwohner zählenden Stadt Inglewood. Inglewood zählt trotz seiner Lage im Südwesten von Downtown Los Angeles zu South Central, hauptsächlich aufgrund der hohen Kriminalitätsrate und Bandenaktivität der Stadt, die es mit dem Rest des berüchtigten South Central teilt. Die Sonne brennt schon seit mehreren Stunden und die vierspurige Straße ist wie an jedem Morgen hoch frequentiert. Ich sitze auf einer kleinen Mauer, die den Bürgersteig von einem der vielen Liquor Stores der Stadt trennt, und warte darauf, abgeholt zu werden. Ein junger Afroamerikaner, vielleicht 14 oder 15 Jahre alt, fährt mit seinem Fahrrad an mir vorbei und nickt mir zu. Ich reagiere mit dem ortsüblichen „Wassup?“, was ihn dazu bewegt, umzukehren und mich nach einem Dollar oder einer Zigarette zu fragen. Leider kann ich ihm nicht helfen. Er bedankt sich und fährt weiter. Ich sehe ihm noch nach, als er auf der gegenüberliegenden Seite in eine Nebenstraße einbiegt.

Es ist Freitagmorgen, 11.20 Uhr, Century Boulevard. Die Sonne brennt und ich warte. Plötzlich jagt ein Streifenwagen des Inglewood Police Department an mir vorbei und biegt in die Seitenstraße ein, die der Junge immer noch langsam runterradelt. Die Polizeibeamten halten neben ihm an. Sie steigen aus dem Wagen aus und beginnen, den Knaben zu befragen, um ihn schließlich, mit Armen und Beinen am Polizeiwagen gespreizt, zu durchsuchen. Ein weiterer Streifenwagen biegt in die Strasse ein, dann ein dritter, ein vierter, die letzten beiden mit Sirenen.

Ich wundere mich, was der Bursche wohl verbrochen haben mag, dass gleich vier Streifenwagen nötig sind, um eine einfache Befragung vorzunehmen. Ist er etwa bewaffnet und gemeingefährlich? Ist er vielleicht sogar ein Bandenmitglied und hat einen Rivalen ermordet? Oder ist er womöglich ein Drogendealer oder ein Späher? Ich hatte ja auch schon Dokumentationen, Reportagen und Filme über die Gegend hier gesehen und mir das ein oder andere Lied von einheimischen Rap-Künstlern angehört – und dem Ruf nach zu urteilen ist in Inglewood alles möglich.

Doch plötzlich ist alles schon wieder vorbei. Die Beamten steigen der Reihe nach in ihre Streifenwagen und brausen davon. Noch schnell seine Habseligkeiten in die Hosentaschen gestopft schwingt sich der Junge wieder auf sein Fahrrad und fährt zurück zu der Hauptstraße, auf der ich nun schon seit einer guten halben Stunde darauf warte abgeholt zu werden. Als er an mir vorbeifährt, sieht er wieder wie das unbehütete Kind aus, das keiner Fliege etwas zu Leide tun kann, und das mich eben um einen Dollar bat. Ich kann meine Neugier nicht zügeln und frage ihn: „Hey man, what happened down there?“ Fast gelangweilt antwortet er im Vorbeifahren: „Nuttin’ man. I’m black and this is Inglewood, that’s what happened.” „Es ist gar nichts passiert. Ich bin schwarz und dies ist Inglewood, das ist, was passierte.“

Noch mehrere Tage nach jenem Ereignis lag mir dieser Satz in den Ohren. Es war nicht nur der Versuch einer Erklärung, es war auch eine aus Verzweiflung resultierende Anklage. Von Polizeibeamten öffentlich durchsucht zu werden und Rede und Antwort stehen zu müssen ist eine Verletzung der Privatsphäre, die sogar in den USA nur unter sehr bestimmten Bedingungen passieren darf. Natürlich genießen Polizeibeamte in der Praxis gesetzmäßigen Spielraum, der bei Personendurchsuchungen vielmals ausgelotet wird. Doch die Frage, die mich am meisten beschäftigte war: Wie hätte ich mich gefühlt, wenn es mir diesen Morgen so ergangen wäre? Und wie würde ich mich fühlen, wenn es mir regelmäßig so ergehen würde? Mein Interesse an diesem Ort war geweckt. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, hier zu leben. Also verbrachte ich mehrere Wochen in South Central Los Angeles und sprach mit seinen Einwohnern.


Die traurige Geschichte eines Stadtteils

In der öffentlichen Bibliothek des an Inglewood angrenzenden Stadtteil Lennox fand ich heraus, dass der Korridor des ursprünglichen South Central (der sehr viel kleiner war als das Gebiet, das heute unter diese geographische Bezeichnung fällt) vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine der wenigen Gegenden in Los Angeles war, in denen Afroamerikaner Land besitzen durften. Während der Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg strömten aber immer mehr Afroamerikaner nach Los Angeles, um Arbeit zu finden und ihre Familien ernähren zu können. Dies führte zu einer vollkommenen Überbevölkerung des ursprünglichen South Central. Als 1948 per Gerichtsbeschluss die Rassendiskriminierung Landbesitz betreffend eingestellt wurde, zogen immer mehr Afroamerikaner in die immer noch von Weißen bevölkerten Gebiete am Rande und außerhalb des Bezirks.

Dies allerdings gefiel den weißen, an die Rassensegregation gewöhnten Einwohnern dieser Stadtteile überhaupt nicht. Analog zu der in den USA immer noch weit verbreiteten rassistischen Ideologie, nach der schon ein Tropfen nicht-weißes Blut den Träger zu einem Nicht-Weißen macht, war in ihren Augen der Einzug auch nur einer schwarzen Familie Beweggrund genug, ihr „einstmals respektables weißes Viertel“ zu verlassen. Doch so ganz ohne weiteres wollte die weiße Bevölkerung ihre Stadtteile nicht aufgeben. Besonders die weißen Gangs jüdischen und italienischen Ursprungs, die damals die organisierte Bandenkriminalität in Los Angeles monopolisierten, wehrten sich gegen die zunehmende „Afrikanisierung“ ihrer Stadtteile. Sie setzten Häuser schwarzer Mitbewohner in Brand, verlangten Entgelte für die Nutzung ihrer Straßen und drangsalierten die afroamerikanische Bevölkerung der weißen Stadtteile, wo sie nur konnten.

Um sich gegen gewalttätige Übergriffe zu schützen, bildeten sich im expandierenden schwarzen South Central so genannte Black Mutual Protection Clubs, d.h. Vereine zur gegenseitigen Gewährleistung der Sicherheit schwarzer Bürger. Zwar gab es diese Vereine schon seit den ersten gewalttätigen rassistischen Aggressionen in den frühen 20ern, doch mit der zunehmenden Anzahl an Afroamerikanern und der damit abnehmenden Anzahl an Weißen in South Central wurden diese Clubs immer stärker. Diese ursprünglich nur dem Selbstschutz dienenden Vereine bildeten übrigens die Basis für die gefürchteten Straßengangs, die Teile von South Central heute terrorisieren.

Des Weiteren las ich, dass im Laufe der Zeit die Gewalt von Seiten der weißen Bevölkerung abnahm, doch die Armut unter der afroamerikanischen Bevölkerung nicht nur blieb, sondern größer wurde. Die schwarze Mittelklasse war aufgrund der rassistischen Übergriffe ohnehin schon weggezogen und der schwarzen Arbeiterklasse wurde innerhalb nur weniger Jahre die Grundlage ihrer Existenz genommen. Erst nahm in den frühen 70ern die vornehmlich von Weißen geleitete Fabrikindustrie in South Central, in der die Mehrzahl der schwarzen Bevölkerung tätig war, immer mehr ab, woraus eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquote in der Gegend entstand. Anfang der 80er begann dann eine Immigrationsschwemme aus Lateinamerika, die dazu führte, dass gewerkschaftlich organisierte Afroamerikaner, die primär im Dienstleistungsbereich in Downtown LA tätig waren, von „weniger anspruchsvollen“ Einwanderern ersetzt wurden. Diese Faktoren führten in der Folgezeit zum totalen wirtschaftlichen Kollaps von South Central. Mit der Armut kamen die Gangs, mit den Gangs kam die Crackepidemie der 80er und mit den Drogen kam die Kriminalität und Verwahrlosung. Als die Rassenunruhen von 1992 in South Central Los Angeles ihren Anfang nahmen, waren die Viertel, die nun unter diese Bezeichnung fielen, das, was sie heute sind, das, was man sich unter dem Begriff „Ghetto“ vorstellt: bitterarm, gefährlich und hoffnungslos.


Rassenfragen

Dies ist die Geschichte, die ich las, über ein South Central, das zwar aus Rassismus geboren war, aber aus ökonomischen Gründen zusammenbrach. Nachdenklich spazierte ich von Lennox zurück nach Inglewood. Die breiten, sonnigen Strassen der Stadt sahen mir so gar nicht nach dem aus, was ich gerade las, gar nicht gefährlich und schon gar nicht hoffnungslos. Die Schulkinder vor mir, die sich sichtlich erleichtert und befreit auf dem Nachhauseweg befanden, waren mir ebenso geheuer wie die hispanische Familie hinter mir, der Sohn die Einkaufstaschen der Mutter tragend. Nur gut, dass der Bengel in all seiner Hoffnungslosigkeit seine Manieren nicht vergaß, dachte ich mir und konnte mir ein leises Lachen nicht verkneifen.

Fast aus Trotz bog ich dann in die nächste Seitenstraße ein, wohl wissend, dass ich nun im Begriff war, das Territorium einer mexikanischen Gang zu durchkreuzen. Doch das änderte nichts am Straßenbild: Schulkinder, Familien und ein paar junge Chicanos, also Männer mexikanischer Herkunft, die in weiten Hosen und weißen T-Shirts gekleidet auf den kniehohen Mauern ihrer Vorgärten saßen und Bier tranken. Dass die roten Kopftücher und ihre Tätowierungen am Hals und im Gesicht Zeichen ihrer Gangzugehörigkeit waren, wusste ich. Doch die Jungs beachteten mich sehr viel weniger als ich, der nun auf der Suche nach der Gefährlichkeit dieses Viertels war, sie.

Immer noch die Strasse entlang schlendernd erinnerte ich mich wieder an die Gespräche, die ich mit den Bewohnern von South Central geführt hatte. Wo in der offiziellen Geschichte dieses Viertels, die ich gerade gelesen hatte, flossen eigentlich ihre Impressionen ein? Wo waren die Berichte von vermeintlich rassistischen Übergriffen der Polizei auf die schwarze Zivilbevölkerung, die einen dokumentierten Teil der Geschichte des Los Angeles Police Departments ausmacht? Ich wollte einfach nicht glauben, dass all dies selbst in abgeschwächter Form immer noch passiert – obwohl ich des Öfteren beobachtete, wie Streifenwagen auf am Straßenrand stehende Gruppen schwarzer Jugendlicher ihre Geschwindigkeit beschleunigend zufuhren, nur um zu sehen, ob die Jungs wegliefen. Liefen diese Jungen weg, weil sie etwas zu verbergen hatten? Oder weil sie Angst hatten? Angst, belästigt zu werden, Angst, provoziert zu werden, Angst, falsch auf diese Provokationen zu reagieren? Angst, nicht als Bürger, sondern als Kriminelle behandelt zu werden? Nichts von dem, was ich las, erklärte, warum die Menschen hier Angst vor der Polizei haben, anstatt sie als ihre Freunde und Helfer zu betrachten.

„Wirtschaftliche Gründe, nicht Rassismus und dessen Folgen, führten zum gesellschaftlichen Zusammenbruch South Centrals“. Dies ist eine historische Behauptung, die nicht wirklich in Einklang mit dem steht, was die Menschen hier als ihre Lebensrealität betrachten. Viele meiner Gesprächspartner berichteten davon, überdurchschnittlich häufig Opfer von willkürlichen Polizeikontrollen zu werden. Gerade in South Central, das polizeilich und gesetzlich als Hochgefahrenzone gilt, haben Polizisten das Recht, jeden Verdächtigen festzuhalten, zu durchsuchen und zur weiteren Vernehmung mit auf die Wache zu nehmen. Sollte die Polizei hier jedoch wirklich nach der Methode der rassistischen Rasterfahndung arbeiten, heißt dies, das jeder junge schwarze Mann in Inglewood, Watts oder Compton verdächtig ist und deswegen verhört und durchsucht werden darf. Dies ist in den Augen vieler Einwohner South Centrals genau der Kern des Problems, denn dass dieses Recht zu einer höheren Verhaftungs- und Überführungsquote Schwarzer gegenüber anderen Rassen führt ist unbestreitbar.

Außerdem stehen Haftstrafen für „typisch schwarze Straftaten“ und „typisch weiße Straftaten“ in keinem Verhältnis zueinander. Zum Beispiel bedeutet mit fünf Gramm Crack, einem mehrheitlich von Schwarzen konsumierten Kokainderivat, erwischt zu werden, für mindestens fünf Jahre hinter Gitter zu wandern. Strafen für den Missbrauch des sehr viel teureren und damit in erster Linie von Weißen konsumierten Kokains allerdings sind sehr viel nachsichtiger. Um für Kokainbesitz fünf Jahre im Gefängnis zu landen, muss man schon ein halbes Kilogramm bei sich führen.

Zu guter Letzt durchläuft das amerikanische Strafvollzugssystem seit einigen Jahrzehnten einen Privatisierungsprozess, woraus folgt, dass steigende Gefängnisauslastung auch zu steigenden Kapitalerträgen führt. Mittlerweile profitieren ganze Städte und Wirtschaftszweige von den hohen Inhaftierungsraten des Landes. Das wiederum hat zur Folge, dass die vom ehemaligen US-Präsidenten Richard Nixon unter dem Kampagnennamen „War on Drugs“ eingeführten Antidrogengesetze eher verschärft als gemildert werden.

Diese Punkte erklären zumindest zum Teil, warum etwa 11% der gesamten schwarzen männlichen Bevölkerung zwischen 25 und 34 Jahren im Gefängnis sitzt, die mit Abstand meisten davon für Drogendelikte. Afroamerikaner, die insgesamt nur 12% der amerikanischen Gesamtbevölkerung ausmachen, stellen fast die Hälfte aller Gefängnisinsassen. Sie begehen nicht mehr Straftaten, sie werden einfach nur öfter als verdächtig betrachtet, kontrolliert, und demzufolge auch verhaftet und Straftaten überführt.

Darüber hinaus gibt es wenig Hoffnung für ebenjene, die wieder entlassen werden. Für so genannte drug felons, also Schwerverbrecher, die mindestens ein Jahr für ein Drogendelikt gesessen haben, gibt es in den USA weder Stipendien, noch Sozialwohnungen, noch Sozialhilfe, und die Wahrscheinlichkeit, eine Arbeit zu finden ist gleich Null. Darüber hinaus verlieren diese Schwerverbrecher ihr Recht zu wählen, und zwar auf Lebenszeit. (Man erinnere sich nur an die amerikanischen Präsidentschaftswahlen von 2000 und 2004, die George W. Bush mit nur wenigen hunderttausend Stimmen Unterschied gewann. Hätten die sage und schreibe 1,5 Millionen nicht zur Wahl berechtigten schwarzen Amerikaner ihn auch gewählt?) Durch diese Gesetze wird diesen Menschen sowohl ihre soziale als auch ihre politische Grundlage genommen. Doch was, frage ich mich, sind Bürger mit eingeschränkten sozialen und politischen Rechten?

In Inglewood angekommen setzte ich mich wieder auf die Mauer, auf der ich vor Wochen noch den Jungen habe vorbeiradeln sehen. In Gedanken vertieft beobachtete ich die Menschen, die an mir vorbeigingen, die Autos, die an mir vorbeirasten. Es deutete alles darauf hin, dass hier etwas Schreckliches geschah, nämlich dass sich South Central in einem Kreislauf aus psychologischen, sozialen, politischen und ökonomischen Faktoren gefangen sieht, den Soziologen „institutionellen Rassismus“ tauften: Armut und Hoffnungslosigkeit schaffen einen Drogenmarkt; polizeiliche Fahndungsmethoden schaffen ein rassenorientiertes Verdächtigungsprofil; ökonomische Gründe schaffen die Notwendigkeit von Inhaftierungen; und die Gesetze des Landes verhindern die Rückkehr aus dem kriminellen ins bürgerliche Leben. Diese Tatsachen gestalten ein South Central, das sich mit dem bloßen Auge nicht erkennen lässt, doch das sich in den Aussagen seiner Bewohner wieder findet. Ein South Central, in dem Generationen von Kindern ohne Väter und Vorbilder leben, ganze Viertel ohne Arbeitskräfte und ganze Stadtteile nicht wahlberechtigt sind. Ein South Central, in dem ganze Gemeinden ohne die jungen schwarzen Männer, die Opfer dieser Lebensrealität werden, in ihrer politischen und sozialen Kraft geschwächt und in ihrer kulturellen Entwicklung gebremst sind. Ein South Central, das wenig Grund zur Hoffnung hat.


Und schon wieder Polizei

Einige Tage später machte ich dann meine eigene Erfahrung mit der Polizei in South Central. Ich spazierte durch ein Gangterritorium in Watts, Schauplatz der Rassenunruhen von 1965, als zwei Polizisten gerade einen jungen Schwarzen festnahmen. Als sie mich die Strasse entlang gehen sahen, unterbrachen sie die Festnahme und sahen leicht verwirrt zu mir herüber. Ich blieb stehen und sah in diesem Augenblick wohl genau so konsterniert aus wie sie. Die Polizistin kam auf mich zu.

Ich wusste genau, was nun kam, denn ich hatte es schon oft genug in Inglewood beobachtet. Ich darf nicht weglaufen, dachte ich mir, wusste aber nicht wirklich warum. Wahrscheinlich denken die Beamten, dass ich Drogen kaufen oder verkaufen will. Außerdem trug ich weder mein Visum noch meinen Personalausweis bei mir, und danach würde ich als Ausländer zumindest gefragt. Ich würde wohl mit auf die Wache kommen, vielleicht sogar über Nacht bleiben müssen, bis meine Personalien geklärt sind. In die Panik, die nun meinen Geist erfüllte, mischte sich trotzdem Erleichterung. Das Verhalten der Polizei hier war also doch keine Rassenfrage. Ich war weiß und trotzdem würde ich denselben Befragungen, Drangsalierungen, Nötigungen ausgesetzt wie die Afroamerikaner, die hier leben. Vielleicht war all dies sogar notwendig, um die berühmte Spreu vom Weizen zu trennen. Woher sollte die Polizei wissen, dass ich nicht zur Spreu gehörte? Sie musste es eben herausfinden. Das gab mir Hoffnung. Hoffnung für dieses Viertel, Hoffnung für South Central, Hoffnung für Los Angeles.

Ich bastelte mir in Gedanken noch Erklärungen und Ausreden zusammen, als mich die Beamtin erreichte und nach dem Grund meines Besuchs des Viertels fragte. Ich antwortete kurz: „I am a German citizen and my business is tourism. I am visiting the Watts Towers.” Die Polizistin sah mich etwas irritiert an, blickte dann demonstrativ auf die Gruppen schwarzer Jugendlicher, die auf den Terrassen ihrer einstöckigen Einfamilienhäuser Bier tranken, Musik hörten und sich mit Würfel- und Kartenspielen die Zeit vertrieben, und bemerkte: „This is a very dangerous neighbourhood and you should not be here. Sir, would you like us to escort you out?

Nichts hätte mich in diesem Augenblick trübseliger machen können als dieses Angebot. Ich schüttelte nur stumm mit dem Kopf und ging weiter.

(Erstveröffentlichung: Die Zeit Online, Juli 2007)

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