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Über den Sinn des Lebens

Wer schon immer mal wissen wollte, was der Sinn des Lebens ist, und wem oberflächliche Antworten zu langweilig sind, der lese weiter. Es ist nicht einfach. Aber es lohnt sich.

Eine gekürzte Version dieses Aufsatzes erscheint in Ausgabe 12/2014 von „Gehirn und Geist“.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens erweckt, wie alle großen Fragen der Philosophie, zunächst eine tiefe, demütige Erfurcht in uns, die wohl das Resultat einer völligen intellektuellen Überforderung ist. Sie scheint unzertrennlich verbunden mit Bildern unseres gigantischen Universums, in dem immerneue Galaxien entstehen und sterben und das durchsetzt ist von Materie, Kräften und Energien, die wir nicht verstehen können, vielleicht in ihrem ganzen Ausmaß niemals verstehen werden. In Anbetracht der kurzen, unbedeutenden Nebenrolle, die die Menschheit in diesem kosmischen Schauspiel einnimmt, erscheint es maßlos und töricht, unserer Existenz einen tieferen Sinn beizumessen. In diesen allumfassenden Dimensionen gleicht die Existenz selbst allen Lebens auf Erden dem Aufleuchten eines Sterns vor seinem Tod. Er wird geboren, führt seinen selbstzufriedenen Tanz auf und verliert sich dann in Sternenstaub. Und all dies nimmt in kosmischen Verhältnissen nur einen Tausendstelsekundenbruchteil ein, zu kurz, zu wenig, als dass der Rest des Universums davon Notiz nehmen würde. Wie kann unser Leben, unser kleines Leben, da einen tieferen Sinn haben?

Seien wir doch einfach einmal maßlos und töricht und stellen wir uns jene Frage, die Philosophen, Naturwissenschaftler und Theologen seit Jahrtausenden bewegt: Was ist der Sinn des Lebens?

1. Verschiedene Sinnfragen

Wenn wir über den Sinn des Lebens sprechen, dann vermischen wir zumeist verschiedene Fragen miteinander. Mal verstehen wir die Frage normativ: Warum ist unser Leben wertvoll? Was ist das Wichtigste in meinem Leben? Wie lassen sich unsere Werte ordnen und hierarchisch strukturieren? Wie gestalte ich mein Leben sinnvoll? Bin ich glücklich? Verschwende ich viel Zeit mit sinnlosen Dingen oder konzentriere ich mich auf das Wesentliche? Mal verstehen wir die Sinnfrage teleologisch: Was ist mein allüberragendes Ziel? Wo gehen wir hin? Was ist der Zweck unserer Existenz? Was kommt nach dem Tod? Was haben Gott und die Welt davon, dass wir hier auf diesem Planeten sind? Dann wieder betrachten wir die Frage unter kausalen Gesichtspunkten: Welchen Ursprung hat unser Leben? Nach welchen Gesetzmäßigkeiten verläuft es und was bringt Ordnung in das natürliche Chaos, dem wir uns ausgesetzt sehen? Außerdem verwechseln wir gerne die Frage nach dem Sinn unseres eigenen Lebens mit der Frage nach dem Sinn der menschlichen Existenz, oder von Leben überhaupt.

In Diskussionen über den Sinn des Lebens springen wir somit von Frage zu Frage, sprechen von Glück, göttlicher Bestimmung und Liebe, vom Leben nach dem Tod, von Weltfrieden, Solidarität und Freiheit, um am Ende resigniert und überfordert, aber doch versöhnlich, mit den Worten abzuschließen: „Na ja, irgendwie muss ja doch jeder für sich selbst wissen, was sein Sinn des Lebens ist“.

Hinzu kommt, dass das Wort „Sinn“ eine eigene Bedeutung hat. Wenn wir zum Beispiel vom Sinn des Wortes „mkasi“ sprechen, dann fragen wir weder nach dem Wert oder dem Zweck dessen, was das Wort bezeichnet, sondern nach seiner Bedeutung im semantischen Sinne. Wir wollen wissen, was das Wort heißt und wie es in einem Sprachsystem benutzt wird. Ist „mkasi“ ein Ding, eine Idee, ein Gefühl? Kann man es essen, damit spielen, es als Werkzeug benutzen? Hat es einen eigenen Geist oder ist es leblos? Verändert es sich im Laufe seiner Existenz? Hat es einen Anfang und ein Ende? Wenn wir herausfinden, dass „mkasi“ Kisuaheli ist und „Schere“ bedeutet, dann bekommen wir gleichzeitig auch eine Antwort auf diese Fragen.

Wenn wir in diesem Sinn nach dem Sinn des Lebens fragen, dann erkundigen wir uns nach etwas, was all die oben genannten Fragen einschließt, aber noch tiefer geht. Wir fragen nämlich nach der tieferen Bedeutung von menschlichem Leben, nach den Bedingungen, unter denen wir existieren und nach dem Platz in der Welt, den wir einnehmen. Das ist die Sinnfrage, wie Philosophen sie verstehen.

2. Zweck

Um besser zu verstehen, wonach die Sinnfrage fragt, müssen wir zunächst einmal feststellen, wonach sie nicht fragt. Umgangssprachlich verwechseln wir zum Beispiel gerne „Sinn“ und „Zweck“. Und so beschreiben wir den Sinn unseres Lebens oft anhand der Nützlichkeit, die unser Leben für bestimmte Zwecke hat: „Meine Kinder“, „soziale Gerechtigkeit“, „Weltfrieden“, „anderen Menschen helfen“, „Gottes Willen folgen“ oder „Karriere machen“ sind somit typische Antworten auf die Frage nach dem Sinn eines Lebens. Und doch gehen sie an der Sinnfrage vorbei, indem sie „Sinn“ mit „Zweck“ gleichsetzen.

Wo liegt der Unterschied? Ein Zweck ist der Grund einer zielgerichteten Tätigkeit. Somit setzt ein Zweck eine Motivation voraus, anhand derer eine Handlung als erfolgreich oder erfolglos bewertet werden kann. „Sinn“ jedoch beschreibt etwas anderes, nämlich das, was die Handlung erst zu der Handlung macht, die sie eigentlich ist. Ohne einen Sinn wäre die entsprechende Handlung nicht motivations-, sondern inhaltslos: sie würde keinen Sinn ergeben. Es wären bloß zusammenhanglose Muskelregungen innerhalb eines Organismus, die wir nicht zu deuten oder sinnvoll zu interpretieren wissen.

Nehmen wir ein Beispiel zur Hand. Stellen Sie Sich vor, Sie beobachteten einen Außerirdischen bei etwas, das wie eine zweckgerichtete Handlung aussieht. Der Außerirdische darf so aussehen, wie Sie es sich wünschen. Allerdings hat er weder einen Mund, noch Arme, und stattdessen eine Lichtquelle auf der Stirn, aus der er Strahlen auf umliegende Objekte schießt. Diese Objekte verwandeln sich ebenfalls in Licht, um nach dem Erlöschen des Lichtes zu verschwinden. Sie beobachten diesen sich immer wiederholenden Vorgang einige Minuten und fragen sich: Was ist der Sinn dieser Handlung? Ein menschlicher Übersetzer setzt sich zu Ihnen und erklärt Ihnen die Handlung. Außerirdische dieser Couleur haben keine Verdauung und ernähren sich über weltliche Objekte, indem sie diese durch ein Strahlensystem direkt in Energie umwandeln und dann aufnehmen. So wird Ihnen der Sinn der Handlung des Außerirdischen klar – er nimmt Nahrung zu sich. Der Zweck seiner Handlung ist jedoch ein völlig anderer. Der Außerirdische isst, weil er sonst stirbt; weil er Hunger hat; weil er Genuss durch die Aufnahme von Nahrung verspürt; oder weil Essen eine soziale Tätigkeit ist, die er gemeinsam mit anderen Außerirdischen unternimmt.

Und so verhält es sich auch mit dem Sinn anderer Dinge. Der Sinn einer Sache ist nicht das, was die Sache wertvoll oder nützlich macht, sondern das, was die Sache dazu macht, was sie ist. Der Sinn des Lebens also ist nicht das, was unser Leben wertvoll oder nützlich macht, sondern das, was unser Leben überhaupt erst dazu macht, was es ist: nämlich Leben, mit all seinen Facetten, mit all seinen existentiellen Bedingungen, und mit all dem, was uns zu dem macht, was wir sind.

Die Verwechslung von Sinn und Zweck ist umso verständlicher, wenn wir uns bewusst werden, dass die Beantwortung der Sinnfrage viele Jahrhunderte lang den Weltreligionen oblag. In deren monotheistischem Verständnis hat unser Dasein einen Sinn, weil Gott uns erschaffen hat, um einen, seinen Zweck zu erfüllen. Sinn ist also ein Derivat der Bestimmung Gottes. Somit ist Sinn mit dem Zweck, den Gott für uns erdacht hat, gleichzusetzen. In unseren säkularen Gesellschaften fallen Gott und seine Bestimmung für uns weg. Doch als kulturhistorische Erinnerung an unsere religiöse Herkunft denken wir immer noch in Zweckkategorien, wenn wir uns über den Sinn des Lebens klar werden wollen.

3. Gefühl

Ein zweites typisches Missverständnis der Sinnfrage reduziert den Sinn des Lebens auf ein Gefühl. Sicherlich haben Sie schon einmal jemanden behaupten hören, dass der Sinn des Lebens sei, glücklich zu sein. Andere Gefühlskandidaten für diese Sichtweise sind Zufriedenheit, Lust, Genuss, Begeisterung, Euphorie oder, für morbidere Artgenossen, Schmerz, Leid oder Hoffnungslosigkeit. Eine weitere Version dieser Theorie reduziert den Sinn des Lebens auf das Gefühl des Sinnempfindens, also auf ebenjenes Gefühl, das sich einstellt, wenn man ein sinnvolles Leben führt.

Es wäre schön, wenn es so einfach wäre, doch leider ist es eben ihre Einfachheit, die diesen Theorien zum Verhängnis wird. Selbstverständlich haben tiefe, positive Gefühle wie Glück, Zufriedenheit und Lust etwas mit dem Sinn des Lebens zu tun, doch die Beziehung zwischen diesen Gefühlen und einem sinnvollen Leben ist, wie wir später noch sehen werden, sehr viel komplexer. Sinn und Emotion fallen leider nicht immer so überein, wie wir es uns wünschen. Es ist offensichtlich möglich, ein sinnvolles Leben, aber unglückliches Leben zu führen, ebenso wie es möglich ist, ein glückliches, aber sinnloses Leben zu führen.

Außerdem lassen sich unsere Gefühle auf vielfältige Art und Weise beeinflussen, die völlig unabhängig von Sinnfragen sind. Wenn Sie gerade in einer Sinnkrise stecken, dann wird ein Arzt Ihnen nicht raten, sich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens beschäftigen, sondern Freunde zu treffen oder joggen zu gehen. Denn nach einer Stunde bei Freunden oder laufend im Park wissen Sie nicht mehr über den Sinn des Lebens als vorher – aber Sie werden Ihr eigenes Leben als sinnvoller empfinden.

4. Ich-Identität und Sinnkrise

Bisher haben wir festgestellt, dass der Sinn des Lebens nicht reduzierbar ist, weder auf einen Zweck noch auf ein Gefühl. Somit lässt sich der Begriff „Sinn des Lebens“ auch nicht mit einer hierarchischen Auflistung aller Werte, denen wir uns verschrieben haben, gleichsetzen. Stattdessen kamen wir zu dem Schluss, dass der Sinn des Lebens etwas Allgemeines und Strukturelles ist, nämlich das, was das Leben zu dem macht, was es ist: Leben. Gehen wir dieser Aussage weiter auf den Grund. Was meinen wir damit eigentlich?

Um das zu verstehen stellen wir uns einmal eine andere Frage: Wie kommt es überhaupt dazu, dass so etwas wie Lebenssinn notwendig ist? Können wir nicht einfach, nun ja, leben? Warum ist unser Leben problematisch oder fragwürdig und warum erhält es durch so etwas wie einen Lebenssinn eine Richtung, einen Wert und eine Bedeutung?

Die Antwort auf diese Frage liegt verborgen im Dunkel der Vergangenheit eines jeden Menschen, in einer Zeit, an die er sich nicht mehr erinnern kann: nämlich in jener Zeit, in der er noch keine Unterscheidung zwischen sich selbst und der Welt machen konnte. Jeder Mensch erlangt erst im Laufe seines Lebens die kognitiven Fähigkeiten, die ihn schließlich zu einem selbstbestimmten, selbstreflektierenden Individuum machen. Als Säugling besitzen wir diese Fähigkeiten nicht. In unseren ersten Lebensmonaten können wir nicht zählen und somit auch nicht zwischen Objekten in der Welt unterscheiden. Alles ist irgendwie eins, ein großer ontologischer Brei, in dem wir uns einfach treiben lassen. Und mit dem wir, da wir auch nicht zwischen uns und der Welt unterscheiden können, aus unserer Sicht identisch sind. Im Laufe der Zeit lernen wir zu sehen, zu greifen und Kontakt zur Welt aufzunehmen. Und mit diesen Entwicklungen lernen wir auch, eine Unterscheidung zwischen uns selbst und der Welt vorzunehmen. Diese sich nun ausprägende Ich-Identität bildet den Urgrund der Notwendigkeit, unseren Platz in der Welt auch zu definieren.

Die Deutung unseres Platzes in der Welt geschieht über Identitäten und Rollen, die wir annehmen und uns selbst und der Welt gegenüber spielen. In der Kindheit erproben wir mögliche Identitäten im Spiel, welche später im sozialen Kontakt mit unserer Umwelt gefestigt werden. Über unsere vielfältigen Identitäten entwickeln wir ein Verständnis davon, wer wir sind und was wir glauben und lieben. Und wir stellen gleichzeitig eine Erwartungshaltung an die Welt, uns in diesen Rollen auch anzunehmen und zu bestärken.

Irgendwann jedoch stellen wir fest, dass wir mit keiner dieser Rollen so richtig eins sind. Spätestens in der Pubertät merken wir, dass wir schon so viele verschiedene Rollen ausprobiert haben, und jederzeit auch neue ausprobieren können, so dass die absolute Identifikation mit einem einzigen, festen, stabilen Rollengeflecht nicht möglich ist. Das ist der Grund dafür, warum für viele Menschen die Pubertät eine äußerst krisenbehaftete Lebensphase ist. Denn neben grundlegenden hormonellen und neurobiologischen Veränderungen entwickeln wir in der Pubertät einen Identitätssinn, der unsere sozialen Rollen transzendiert. Zum ersten Mal fragen wir uns: „Wenn ich nicht identisch mit diesen Rollen bin, wer bin ich dann eigentlich? Und was ist mein Platz in der Welt?“ Die Pubertät ist also die erste, entwicklungsbedingte Sinnkrise, die die meisten von uns erleben. Wir erleben unser Leben als sinnlos, weil unsere Beziehung zur Welt fragwürdig wird. Wir können uns nicht mehr klar und eindeutig in der Welt platzieren.

Dieser Vorgang wird sich im Laufe eines ereignisreichen Lebens häufig wiederholen. Wir fallen oft in Sinnkrisen, wenn wir eine gewählte bewusste Identität verlieren, z. B. wenn wir eine langjährige Beziehung aufgeben oder unsere Arbeit verlieren. Doch auch unbewusste Identitäten, solche, die aus der gesellschaftlichen, kulturellen oder historischen Werteordnung hervorgehen und die man sich nur sehr schwer bewusst machen kann, sind von großer Bedeutung. Der Verlust einer sinnstiftenden Identität, also einer Identität, die die Beziehung des Individuums zur Welt konstituiert, geht immer mit einer Sinnkrise einher.

Aus diesen Überlegungen geht hervor, wie wir den Begriff „Sinn des Lebens“ zu verstehen haben, nämlich als die Deutung der Beziehung, die zwischen einem Individuum und der Welt besteht. Und diese Deutung, diese Interpretation, diese Platzierung des Ichs in der Welt, ist eine der facettenreichsten, kompliziertesten und faszinierendsten Beziehungen, die wir kennen. Sie ist das, wonach wir suchen: der Sinn des Lebens.

5. Die Objektivität von Lebenssinn

Nun ergibt sich folgende Frage: Wenn Lebenssinn die Deutung der Beziehung zwischen Individuum und Welt ist, ist der Sinn des Lebens dann relativ? Schließlich kann jeder seine Beziehung zur Welt so deuten, wie ihm beliebt. Oder etwa nicht?

Nein, das folgt daraus nicht, und zwar aus zwei Gründen. Erstens ist die Beziehung zwischen Ich und Welt so vielschichtig, dass sie sich in großen Teilen unserem bewussten Einflussbereich entzieht. Unser Verhältnis zur Welt ist geprägt von einer tiefen Selbstverständlichkeit. Die Dinge, die wirklich wichtig sind, sind so fundamental, dass wir sie nicht hinterfragen, nicht anzweifeln und selten konstruktiv in Worten ausdrücken können. Erst wenn sich Lebensereignisse nicht mehr auf eine Art und Weise in unser Sinnkonzept integrieren lassen, die keine Zweifel an der Richtigkeit unseres Sinnverständnisses lässt, stellen wir Fragen. Und diese Fragen erschüttern uns bis ins Mark, weil sie all das bedrohen, was unserem Leben und Glauben eine Basis gibt. „Warum regnet es seit Monaten nicht, obwohl wir dem Regengott viele Lämmer geopfert haben?“. „Wie kann ein allgütiger, allmächtiger Gott all dies Übel in der Welt zulassen?“. „Warum bin ich unglücklich, obwohl ich eine Arbeit, ein Haus, ein Auto und 814 Freunde auf Facebook habe?“. Jede Zeit hat andere Fragen, die sie erschüttert, und von diesen Fragen lassen sich Sinnparadigmen ablesen, die die Zeit bestimmen, in denen sie gestellt werden.

Die Kulturgeschichte der Menschheit ist auf grundlegendster Ebene die Geschichte ihrer Sinnkonzepte. Ob wir die Welt als Ort der Magie verstehen, in dem uns Schutzgeister zur Seite stehen, Hexen ihr Unwesen treiben und Schlafmonster Neugeborene ins Jenseits holen; ob wir uns als auserwählte Lebewesen sehen, die einer göttlicher Bestimmung folgen, um in alle Ewigkeit ins Paradies zu ziehen; oder ob wir nach strikt rationalen, aufgeklärten Prinzipien leben und unsere intellektuellen Fähigkeiten nutzen, um uns die Welt zum Zwecke des Konsums zu unterwerfen; wir werden die Welt interpretieren müssen und uns selbst in Relation zu den Kräften verstehen, die unsere Welt bestimmen. Doch diese Deutung ist so tief verankert in uns, dass wir willentlich nur wenig Einfluss auf sie übernehmen können.

Der zweite Grund ist, dass „Deutung“ ohnehin nicht „völlige Interpretationsfreiheit“ impliziert. Wenn wir versuchen, eine bestimmte Geste eines Gegenübers zu deuten, eine Handbewegung zum Beispiel, dann steht uns nicht jede erdenkbare Interpretation offen. Die Deutung dieser Geste erfolgt innerhalb eines Interpretationssystems, das Grenzen hat und bestimmten Bedingungen und Konventionen unterliegt.

Ebenso verhält es sich mit der Deutung unserer Beziehung zur Welt, der durch unser Wesen Grenzen gesetzt sind und eine Richtung gegeben ist. In unserer Essenz sind wir sterbliche, zu Selbstreflexion und moralischem Urteil befähigte Lebewesen, die über ihr Denken, Fühlen und Handeln eine subjektive Perspektive im Leben einnehmen, die sie im Geiste transzendieren können. Dies sind unsere Existenzbedingungen. Als etwas anderes können wir uns nicht verstehen. Und dementsprechend können wir auch nur aus dieser Perspektive eine Beziehung zur Welt einnehmen.

Außerdem haben wir körperliche und seelische Grundbedürfnisse, die unseren Platz in der Welt bestimmen. Dazu gehören die elementaren Bedürfnisse nach Essen, Trinken, Schlaf, Kleidung und Arbeit. Und dazu gehören die seelischen Bedürfnisse nach Liebe, Freiheit, Sicherheit, Solidarität, Kreativität, Spiel, Authentizität, Privatsphäre, Würde und einer zumindest annähernden Übereinstimmung von Selbstidentität und Fremdwahrnehmung. Die Intensität und die jeweilige individuelle Ausrichtung der Grundbedürfnisse variiert von Mensch zu Mensch, von Kultur zu Kultur, von Zeit zu Zeit. Und sie variieren auch innerhalb eines Lebens, da z. B. bestimmte Lebensabschnitte oder Lebenssituationen bestimmte Werte in den Vordergrund stellen. Das Bedürfnis nach Freiheit ist in der Pubertät ausgeprägter als im Alter; das Bedürfnis nach Sicherheit ist im Alter ausgeprägter als in der Pubertät.

Und doch sind diese Bedürfnisse so tief in uns angelegt, dass eine Unterdrückung oder Verleugnung immer in großem Unglück endet, in Sucht, Depression, und im schlimmsten Fall im Suizid – also in Sinnkrankheiten. Dementsprechend wird auch die Art und Weise beeinflusst, wie wir die Welt verstehen. Somit bilden unsere Existenzbedingungen und Grundbedürfnisse objektive Grenzen, die wir in der Deutung unserer Beziehung zur Welt, also in der Bemessung unseres Lebenssinns, einhalten müssen.

6. Die Subjektivität von Lebenssinn

Andererseits folgt daraus nicht, dass der Sinn des Lebens völlig objektiv ist. Denn innerhalb der gerade beschriebenen Grenzen sind wir verdammt dazu, völlig frei zu sein. Wir wurden mit unserer Geburt, wie es der Existenzialismus nach Heidegger sieht, in eine Welt geworfen, die uns abgrundtief unähnlich ist. Die Welt ist nämlich ohne uns ein wertneutraler Raum. So wie Camus’ Meursault letztendlich „empfänglich für die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt“ wurde, so erfahren auch wir bei näherem Hinsehen, dass die Welt nicht die Art von Ort ist, an dem Werte ohne das Dazutun von denkenden, fühlenden Lebewesen erwachsen und existieren können.

Diese Aussagen mögen auf den ersten Blick kryptisch klingen. Die Idee dahinter ist folgende: Werte existieren nicht einfach so, unabhängig von uns. Es gibt keinen platonischen Himmel, in dem perfekte Ideen von Liebe, Freiheit, Gerechtigkeit und dergleichen existieren, deren wir uns bemächtigen, wenn wir liebevoll, frei oder gerecht handeln. Ebenso wenig gibt es einen übermenschlichen Sinn des Lebens hinter den Dingen, den wir entweder wissen können oder nicht. Vielmehr tragen wir über den Prozess der Be-Wertung Werte in die Welt. Und mit diesem Prozess tragen wir auch Sinn in die Welt.

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Wenn Romeo sich in Julia verliebt, dann ermächtigt er sich nicht einem Allgemeinzustand, der irgendwo im Himmel als perfekte Idee existiert. Er bringt eigenständig Liebe in die Welt, einfach indem er beginnt, Julia zu lieben. Er erschafft etwas, ein wundervolles Gefühl, das zwei Menschen verbindet, zu Tränen rührt oder in tiefste Verzweiflung stürzt. Das bedeutet nicht, dass Liebe völlig relativ ist und Romeo die alleinige Kontrolle darüber hat. Ob und wie er liebt hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab: von seinem Alter, seiner Lebenssituation, seinem Lebenswandel, seiner Erziehung; von seiner Intelligenz, seiner Empathiefähigkeit, von vergangen Erfahrungen in ähnlichen Situation; von Romeos kulturhistorischem Hintergrund und von Julias Reaktion auf seine Liebesbeteuerungen; und ultimativ auch davon, dass er ein Mensch ist, der unter bestimmten Bedingungen in die Welt geworfen wurde. Und doch steckt in Romeos Liebe ein unverkennbar spontanes Moment: er, Romeo, ist der Erzeuger der Liebe und diese Liebe ist sein Produkt.

Ähnlich verhält es sich auch mit Sinn. Selbstverständlich gibt es, wie im vorangegangen Abschnitt besprochen, objektive Bedingungen für Sinn. Doch der Sinn unseres Lebens beherbergt ein unverkennbar spontanes Element. Wir selbst sind es, die Sinn in die Welt tragen, nämlich indem wir uns denkend, fühlend und handelnd in der Welt unseren Platz suchen. Das spontane Element ist also jenes der Bewertung. Der Prozess der Bewertung (oder, wie Philosophen es nennen, Urteil) ist also der Mechanismus, mithilfe dessen wir Sinn schaffen. Wir formen unsere Identitäten und Beziehungen zu Menschen und Objekten über unsere Bewertungen; Bewertungen liegen all unseren Gedanken und Gefühlen zugrunde; und wir ordnen uns über Bewertungen in größere Zusammenhänge ein. Im Konzept des Urteils kommt also all das zusammen, das für Lebenssinn von Bedeutung ist: Identität; das, was uns wichtig ist; was wir sind und was wir sein wollen; wo wir herkommen und wo wir hingehen.

Das bedeutet letztendlich, dass die Beantwortung der Sinnfrage weder nach rein objektiven, noch nach rein subjektiven Aspekten geschieht. Auf eine relative Antwort auf die Sinnfrage, auf ein „Jeder kann seinen Sinn selbst festlegen“, versteifen wir uns, wenn wir die mannigfaltigen Bedingungen vernachlässigen, denen wir uns ausgesetzt sehen und die uns zu den Wesen machen, die wir sind. Auf eine absolute Antwort auf die Sinnfrage, auf ein „Lebenssinn ist göttliche Bestimmung oder ein anderweitig übermenschliches Phänomen“, versteifen wir uns, wenn wir unsere Kreativität, Phantasie und Schaffenskraft unterschätzen. Die Wahrheit ist, dass Lebenssinn erst im Zusammenspiel dieser objektiven und subjektiven Faktoren entsteht, nämlich im Verschmelzen der Tatsachen der Welt mit dem fluiden und kreativen Werden des Ichs.

7. Das Leben als Ganzes, reich und tief

Jetzt, da wir ein besseres Verständnis davon haben, was der Sinn des Lebens eigentlich ist, verstehen wir auch, was wir tun müssen, um unser Leben sinnvoll zu gestalten. Und zwar müssen wir uns die richtigen Fragen stellen.

Verwechsle ich Sinn und Zweck? Richte ich mein Leben bloß auf einen Zweck aus, z.B. eine Partnerschaft oder Arbeit, und erhoffe ich mir dadurch vergeblich Sinn? Oder verwechsle ich Sinn und Gefühl? Versuche ich bloß, nach hedonistischem Vorbild, nach Glück zu streben und verpasse ich dadurch das, was das Leben sinnvoll macht?

Ist die Befriedigung meiner Grundbedürfnisse ausgewogen oder fehlt mir etwas? Ist alles da, was ich brauche: Liebe, Arbeit, Essen, Schlaf, Freundschaft, Vertrauen, Solidarität, Kreativität, Freiheit, Verantwortung? Und lebe ich im Einklang mit meinem eigenen Wesen? Sehr oft können wir uns nicht damit abfinden, dass die Welt so ist, wie sie ist und wir so sind, wie wir eben sind. Der verzweifelte Kampf gegen das Altern; der Zwang, immer alles perfekt machen zu müssen; die Versuche, immerzu stark für Angehörige oder den Partner zu sein. All dies kann zu einem defizitären Sinnempfinden führen.

Doch nicht immer führt ein Sinnmangel auch zu einem Gefühl von Sinnlosigkeit. Oft merken wir gar nicht, dass uns etwas fehlt. Schließlich ist alles so wie immer. Doch wir spüren den Zauber nicht, der gleichbedeutend mit Leben ist, diese lodernde Sinnflamme, deren magische Schönheit uns Tränen der Rührung in die Augen treiben sollte.

Die Deutung, die uns Lebenssinn liefert, ist ein kreativer Prozess, den wir Tag für Tag nicht denken, sondern leben. Wir verstehen uns selbst und die Welt nur narrativ, nämlich durch die Geschichten und Erzählungen, die unser Geist auf das kalte Grau der Weltfakten legt. Somit bereichern wir die Welt mit unseren Mythen, mit unserem Glauben, mit unseren wunderschönen Theorien über die Arithmetik des Seins. Mit unseren großen und kleinen Erzählungen von Liebe und Gott, und Sehnsucht und Schmerz, und Hoffnung und Tod. Wir bereichern die Welt durch Lebenspoesie, die von Helden und Dieben handelt, von Siegern und Verlierern, von Weisheit und Schicksal. Diese Geschichten erzählen wir selbst und sie sind so real wie alles andere auch. Unser Leben ist ein Kunstwerk, das seinen Wert durch den Akt des Erschaffens erhält. Und ein jeder findet sich im goldenen Schnitt seines eigenen Lebenskunstwerks wieder; ein jeder ist der Protagonist in seinem Lebensroman.

Man muss ein wenig üben, um sich der Magie unseres Seins bewusst zu werden. Versuchen Sie es. Halten Sie sich vor Augen, dass es in der Welt da draußen keine Farben gibt, kein Gut und Böse, keine Gefühle, keinen Sinn. Und versuchen Sie zu spüren, was es heißt, dass Sie es sind, der für all das verantwortlich ist, was Sinn und Wert hat. Es ist berauschend.

Und nun haben wir nur noch ein überragendes Ziel, nämlich Frieden zu schließen mit der Welt, die uns so unähnlich ist. Wir kommen aus einem Zustand, in dem wir eins mit der Welt waren, und letztendlich vergehen wir wieder in diesen Zustand. Unser Leben dazwischen ist geprägt von der Sehnsucht nach diesem ursprünglichen Eins-Sein. Wenn wir bereit sind, diese Sehnsucht zu akzeptieren und das Leben als Ganzes anzunehmen, in all seinem Reichtum und all seiner Tiefe – dann kommen wir dem Sinn des Lebens sehr nahe.

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„How I met your mother“ und die Suche nach der großen Liebe

Zurzeit läuft in den USA die neunte und letzte Staffel der amerikanischen Comedyserie „How I met your mother“. Wie viele Millionen andere Zuschauer verfolge ich die Serie schon seit Jahren mit Begeisterung. Doch was genau ist es, das diese Serie so erfolgreich macht? Dieser Frage möchte ich heute nachgehen, und zwar in Bezug auf die Art und Weise, in der die Schreiber der Serie zwei unserer tiefsten Sehnsüchte ansprechen: nämlich nach Freiheit auf der einen und nach Liebe auf der anderen Seite.

Nur wenige andere Fernsehserien beschreiben so detailliert und psychologisch exakt den Konflikt, der zwischen diesen Sehnsüchten herrscht, und zwar nicht nur in jedem einzelnen der Hauptcharaktere, sondern auch in jedem einzelnen von uns. Wenn wir sehen, wie verzweifelt Ted seine große Liebe sucht; mit welcher Selbstverständlichkeit Barney das nächste weibliche Opfer seines Verführungskrieges abschleppt; wie Robin versucht, ihre emotionalen Schwierigkeiten, die aufgrund der frühen Ablehnung durch ihren Vater entstanden, mit beruflichem Erfolg zu kompensieren; oder wie krampfhaft Marshall und Lily aneinander festkrallen; dann fühlen wir uns angesprochen. Das kennen wir irgendwie doch auch. Wir spüren doch auch, dass da in uns ein Kampf wütet zwischen zwei Extremen, zu denen wir uns gleichermaßen hingezogen fühlen. Und in der Tat wütet in uns ein Kampf, nämlich der Konflikt zwischen den Grundbedürfnissen nach Nähe und Distanz.

Es darf ohne Übertreibung behauptet werden, dass Unausgewogenheit bei der notwendigen Lösung des Nähe/Distanz-Konflikts das soziale Thema unserer Zeit ist. Also lohnt es sich, hier ein wenig genauer hinzusehen. Was geht da eigentlich vor?

Der Nähe/Distanz-Konflikt

Der Nähe/Distanz-Konflikt ist ein Ausdruck des psychologischen Grundkonflikts zwischen Autonomie und Abhängigkeit. Um dies zu verstehen bedarf es eines kurzen Exkurses in die Psychologie. Tiefenpsychologischen Theorien zufolge existiert in jedem Menschen eine Reihe von so genannten Grundkonflikten. Ein Grundkonflikt ist ein tiefenpsychologischer Antagonismus in jedem Menschen zwischen diametralen Werten, hier Autonomie und Abhängigkeit, die beide von fundamentaler Bedeutung für die Gesundheit der menschlichen Psyche sind. Hört sich kompliziert an, ist es aber nicht. Auf der einen Seite wollen und brauchen wir Nähe (die Abhängigkeits-Seite): emotionale Verbundenheit, Liebe, Geborgenheit und dergleichen. Und auf der anderen Seite wollen und brauchen wir Distanz (die Autonomie-Seite): Unabhängigkeit, Freiheit, Raum für persönliche Weiterentwicklung, Privatsphäre und so weiter. Nähe und Distanz sind diametrale Werte, d.h. sie gehen in entgegengesetzte Richtungen. Und doch ist die Erfüllung beider Bedürfnisse von entscheidender Bedeutung für unsere seelische Gesundheit. Dementsprechend ist es wichtig, ein Equilibrium, eine Ausgeglichenheit, zwischen der Erfüllung dieser beiden Bedürfnisse zu erreichen.

Ein psychisch gesunder Mensch weiß diese Bedürfnisse auf fruchtbare Art und Weise zu regulieren. Er fühlt sich sicher in seiner eigenen Persönlichkeit und weiß sich selbst zu schätzen, (miss-) braucht also andere Menschen nicht, um ihn in seinem Selbstwert zu bestätigen. Außerdem kennt er seine Grenzen und ist in der Lage, sie anderen Menschen auf nicht-konfrontierende Art und Weise mitzuteilen. Gleichermaßen heißt er emotionale Abhängigkeit willkommen, nämlich um das Bedürfnis nach Liebe, Geborgenheit, Sicherheit und sozialer Eingebundenheit zu befriedigen. Instinktiv findet er die richtige Balance zwischen seinen Bedürfnissen.

Doch Nähe bedeutet auch Gefahr: Verlassen zu werden; Gefühle zu investieren, die enttäuscht werden; verletzt zu werden. Wenn man, wie alle Charaktere außer Marshall, schon früh in seinem Leben solchen Verletzungen ausgesetzt wurde, so ist es völlig verständlich, dass man sich unbewusst Schutzmechanismen erarbeitet. Und einer der fundamentalen Schutzmechanismen, den die menschliche Psyche kennt, ist die Angst: Angst vor dem Alleinsein auf der einen und Angst vor Nähe auf der anderen Seite.

Zu viel Nähe

Ich finde es immer wieder interessant zu beobachten, wie die Schreiber der Serie den Nähe/Distanz-Konflikt und die zugehörigen Ängste in den einzelnen Charakteren zum Leben erwecken lassen. Sehen wir uns dies genauer an. Zum einen sind da Marshall und Lily, deren Beziehung sowohl von den Figuren innerhalb der Serie als auch vom Großteil des Publikums als Prototyp für die eine, die große, die perfekte Liebe gesehen wird. Sie sprechen über alles miteinander, können und wollen voreinander keine Geheimnisse haben, sie haben ein schier unstillbares körperliches Verlangen nacheinander und können sich ein Leben ohne einander gar nicht vorstellen. Marshall ist der abhängigere von den beiden, denn bei Lily bricht das Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit ab und an durch. Immer dann, wenn sie sich ihres Traumes einer Karriere als Künstlerin bewusst wird, kommt ein Freiheitsstreben zum Vorschein, das zum Ende der ersten Staffel sogar zu einem kurzzeitigen Ende der Beziehung zwischen den beiden führte. Wie im wahren Leben ist Lilys Erinnerung an diesen Traum in den ersten Staffeln noch von feuriger Wirklichkeit, doch im Laufe der Jahre verfliegt er und wird das, was er im Leben vieler Menschen ist: etwas Vergangenes, das Opfer der Lebensrealität des Träumers wurde. Marshall ist anders: als Nesthäkchen einer Großfamilie entwachsen sieht er sich spätestens seit seinem College-Abschluss als Teil eines Paares und hat keinerlei individualistische Ambitionen.

Die beiden teilen natürlich ihre unendliche Liebe zueinander. Doch man stelle sich vor, wo Marshall und Lily wären, hätten sie einander nicht gefunden: wahrscheinlich genau da, wo sie jetzt sind, nur mit einem anderen Partner, der ähnlich beziehungsaffin ist wie sie selbst. Der Grund für diese These ist, dass Lebensmeisterungsstrategien in frühen Jahren gelernt werden und sich (ohne therapeutische Aufarbeitung oder traumatische Beeinflussung) nach der Pubertät selten grundlegend verändern. Wer früh gelernt hat, das Leben am besten an der Seite eines Partners zu meistern, der wird diese Strategie selten später aufgeben – und somit, sobald die eine Beziehung beendet ist, direkt nach dem nächsten Partner suchen, der das eigene Bedürfnis nach einem gesunden Selbstwertgefühl und nach Sicherheit in einer als wie auch immer gefährlich empfundenen Welt befriedigen kann.

Im realen Leben würden Menschen, die einander derart brauchen wie Marshall und Lily, keine harmonische Beziehung führen. Im Gegenteil: entweder sie würden immer komplexere Strategien zur Vermeidung der eigenen Angst vor dem Alleinsein zu Rate ziehen, die es ihnen irgendwann gar nicht mehr erlauben, offen und ehrlich miteinander umzugehen. Oder aber die Beziehung wäre eine emotionale Achterbahnfahrt geprägt von abwechselndem Heranziehen und Wegstoßen des Partners; und von einer beidseitigen undurchdringbaren Angst vor dem Verlassenwerden, die sich immer und immer wieder durch Eifersuchtsszenen gepaart mit hochemotionalen Auflösungen dieser Eifersucht (z.B. durch Sex oder romantischen Gesten) ausdrückt. Diese Fokussierung auf die Beziehung kann so zermürbend sein, dass keine Zeit und keine Konzentration mehr für andere Dinge, wie Familie, Freunde, Hobbys oder eine Arbeit, bleibt. Für Menschen wie Marshall und Lily, und Millionen andere Menschen da draußen, ist die Welt ein beängstigender Ort, an dem es nötig ist, sich aneinander festzuklammern, um nicht unterzugehen. Mit wahrer Liebe hat das wenig zu tun. Vielmehr missbrauchen beide Partner sich gegenseitig, um einen Mangel an Unabhängigkeit zu beseitigen und ein beschädigtes Selbstwertgefühl zu reparieren.

Zu viel Distanz

Das andere, und offensichtlicher pathologische, Extrem bilden die weiteren Hauptcharaktere der Serie, nämlich Barney, Robin und Ted. Allen drein gemein ist eine schier unendliche Sehnsucht nach – gepaart mit Angst vor – emotionaler Nähe, die unerfüllt eine tiefe innere Leere hinterlässt. Um diese Leere zu füllen suchen sie immer wieder, wie so viele von uns heutzutage, an den falschen Stellen. Barney füllt seine innere Leere, indem er sich in die Welt des Scheins, der Verführung und des bedeutungslosen Sex flüchtet. Damit nimmt er eine Umwertung vor: er propagiert genau das als Ideal, was eigentlich seine tiefste Angst ist, nämlich allein und ohne tiefere, emotionale Bindungen leben zu müssen. Letztendlich schafft er es nur, seine Angst vor Nähe zu überwinden, indem er sich eine Partnerin sucht, die ähnlich ängstlich ist wie er selbst, und somit in der Lage ist, Barneys innere emotionale Zerrissenheit mitzufühlen und sich seiner Annäherungsgeschwindigkeit anzupassen. Diese Frau ist Robin. Robin nutzt dieselben Umwertungsmechanismen wie Barney, um ihre Angst vor Nähe zu rationalisieren, allerdings ist ihre Wahlfluchtrichtung ihre Karriere. Nach gescheiterten Beziehungen flieht sie regelmäßig in neue Arbeitsabenteuer, oft auch in andere Länder.

Ted betreibt eine weniger offensichtliche, und dennoch ähnlich destruktive, Vermeidungsarbeit. Er ist sich bewusst, dass ihm ein Mensch, mit dem er sein eigenes Leben teilen kann, sehr fehlt, also sucht er. Und sucht. Und sucht und sucht und sucht, ohne zu merken, dass er erstens nicht bereit für die Art von Nähe ist, nach der er sich sehnt; und zweitens dass diese Suche selbst ihn daran hindert, die Frau zu finden, mit der er sein Leben teilen kann. Deswegen verliebt er sich in Frauen, die genau so viel Angst vor Nähe haben wie er, wie Robin und Stella. Deswegen zweifelt er an jeder Beziehung, sobald sich herausstellt, dass die Frau, mit der er zusammen ist, nicht perfekt auf das Ideal passt, das er in seinem Kopf hat. Welcher normale Mensch beendet eine Beziehung, nur weil der Lebenspartner Star Wars nicht mag? Richtig, ein Mensch, der – bewusst oder unbewusst – diesen Grund nur vorschiebt. Hinter Teds Zweifel und Liebes-Perfektionismus steckt Angst: er sucht geradezu nach Gründen, warum die gegenwärtige Beziehung nicht funktioniert, nur damit er sich der Nähe, und damit auch der Gefahr, einer Beziehung nicht ausgesetzt sehen muss. Und Teds Lieblingsgrund für die Beendigung einer Beziehung ist: Robin. Robin ist das perfekte Pendant zu Ted: sie liebt ihn nicht genug, um ihre eigene Angst zu überwinden; sie ist ihm nahe genug, so dass er sich immer wieder Hoffnungen machen kann; und sie hält ihn davon ab, eine Beziehung zu einer Frau einzugehen, die wirklich zu ihm passt, die das für ihn sein könnte, nachdem er sich immer sehnte – wie Victoria.

Die Liebe des Lebens als magisches Ideal

Ted gibt die Lösung für den Nähe/Distanz-Konflikt vor, nämlich die Suche nach der einzig wahren Liebe. Genau an diesem Punkt setzt, leider, Hollywood ein und aus der realistischen Darstellung eines realen inneren Konflikts in detailliert ausgearbeiteten Charakteren wird ein romantisiertes Phantasialand. Die Serie suggeriert die Idee, dass „die Liebe des Lebens“ eine Person ist, die irgendwo da draußen darauf wartet gefunden zu werden. Diese magische Idee der Liebe des Lebens ist leider genau so weit verbreitet wie sie naiv ist. Sie geht auf den griechischen Philosophen Platon zurück, der in einem seiner belletristischen Werke den Mythos der Kugelmenschen erzählt. Diesem Mythos zufolge sind wir alle ursprünglich Kugelmenschen gewesen, die in ihrer ungeheuren Kraft und ihrem Hochmut die Götter anzugreifen und zu entmachten versuchten. Die Götter ließen sich dies nicht bieten und zerteilten die Kugelmenschen in jeweils zwei Hälften, jede Hälfte das, was wir heute als „Mensch“ verstehen. Und mit dieser Trennung begann in uns die Sehnsucht danach, unsere andere Hälfte zu finden, um unsere Ganzheit wiederzuerlangen.

Die Erzählung ist wunderschön und von solcher Detailtreue, Erklärkraft und poetischer Eleganz, dass sie bezaubert. Kein Wunder also, dass sie sich in immer neuen Variationen in die Neuzeit rettete. Doch es ist außerordentlich wichtig zu begreifen, dass sie ein Mythos und nicht wörtlich zu verstehen ist. In diesem Mythos löst sich das eigentliche Problem, der innere Konflikt des Liebenden, einfach auf. Nicht so in der Realität: selbst wenn jemand wie Ted die „perfekte“ Frau findet, so wird er noch lange nicht seinen inneren Konflikt überwunden haben. Selbstverständlich: wenn es bei den ersten 800 misslungenen Beziehungsversuchen an seiner Angst vor Nähe gelegen hat, wie kann diese auf mysteriöse Art und Weise einfach verschwinden, nur weil nun die 801. Person in seinem Leben auftaucht? Und genau aus diesem Grund wird er die „perfekte“ Frau genau so übersehen, oder aus irgendeinem Grund aussortieren, wie er es in der Vergangenheit immer tat. Menschen wie Ted bleiben entweder immer auf der Suche oder, wahrscheinlicher, sie geben die Suche irgendwann auf und bleiben dann mit der Person zusammen, mit der sie zum Zeitpunkt der Aufgabe der Suche zusammen waren. Und sind damit, wenn sie ehrlich mit sich sind, todunglücklich.

Die Idee der Liebe des Lebens als magisches Ideal ist der Ausdruck einer großen Sehnsucht, die in jedem von uns wohnt: danach, so akzeptiert zu werden wie wir sind, ohne eine Rolle spielen zu müssen; geliebt zu werden und nichts für diese Liebe leisten zu müssen; danach, Liebe und Geborgenheit geben und empfangen zu dürfen; danach, in emotionaler Sicherheit zu sein und keine Angst mehr zu haben. Diese Sehnsucht ist real. Und die Erfüllung dieser Sehnsucht ist so wichtig wie die Nahrungsaufnahme. Doch wie in anderen Lebensbereichen auch wünschen wir uns die schnelle und einfache Lösung für unsere emotionalen und spirituellen Probleme; die Liebe des Lebens steht vor uns und, bumm, alles andere ist vergessen. Einfach nur warten und nichts tun. Schicksal. Man trifft sich, irgendwann, vielleicht auf der Hochzeit des besten Freundes oder vielleicht wohnt man im Studentenwohnheim auf derselben Etage. So wie bei Marshall und Lily; so wie bei Ted und der Mutter seiner Kinder. Und dann. Bumm. Hat das Schicksal zugeschlagen. Es ist unschwer zu erkennen, dass diese Vorstellung in erster Linie auf Wunschdenken beruht. Doch was bleibt uns übrig, wenn wir noch nicht fündig wurden, außer Wunschdenken?

Frieden schließen

Wenn alles andere stimmt, dann ist wahre Liebe, metaphorisch gesehen, das Bläschen in der Wasserwaage des Nähe-Distanz-Spektrums. Bringt man die Waage zu sehr in die Lage, dass das Liebesbläschen auf die Nähe-Seite rutscht, so verliert sich irgendwann die Romantik, die Erotik, das Interesse. Abhängige Beziehungstypen wie Marshall und Lily haben irgendwann fast immer das Problem, dass sie sich in einer langweiligen, uninspirierenden Beziehung wiederfinden, die ihnen nichts mehr als die Sicherheit gibt, dass sie nicht verlassen werden. Bringt man die Waage zu sehr in die Lage, dass das Liebesbläschen auf die Distanz-Seite rutscht, so droht man, nie wirklich tiefe Gefühle für den Partner zuzulassen, sich deswegen nicht erfüllt zu fühlen und zwangsweise von einer Beziehung zur nächsten zu springen, um die Erfüllung woanders zu suchen. Wir, jeder einzelne von uns, sind die Waage, und die Kunst ist, uns, die Waage, in die richtige Position zu bringen. Und das bedeutet: Frieden schließen, und zwar mit uns selbst. Denn nur wenn wir Frieden mit uns geschlossen haben, können wir Liebe auch annehmen. Und nur wenn wir Liebe annehmen können, können wir Liebe auch schenken.

Es ist nicht für alle Menschen gleich leicht, Frieden mit sich zu schließen. Oft hat dies etwas mit der Aufarbeitung der eigenen Geschichte zu tun, wie auch bei unseren Protagonisten. Barney und Robin haben begonnen, Frieden mit sich zu schließen, als sie ihren Vätern den Raum gegeben haben, den sie durch ihre physische oder emotionale Abwesenheit in Barneys und Robins emotionaler Entwicklung hatten. Sie konnten sich öffnen und sich gegenseitig ihre Schwächen, Ängste und emotionalen Bedürfnisse eingestehen, ohne in ihren Rollen gefangen zu bleiben. Im wahren Leben ist der Prozess ungleich schwieriger, so dass er zu einer Lebensaufgabe werden kann. Man muss bereit sein für die Liebe und man muss dafür sehr viel tun. Lernen, Kontrolle über die eigenen Gefühle abzugeben, zum Beispiel, und Bedürftigkeit und Schwäche zuzulassen. Man muss akzeptieren können: sich selbst, das Gegenüber, die Alltäglichkeit und Langeweile einer Beziehung. Man darf der Liebeskonsum-Ideologie der Neuzeit nicht verfallen, laut der hinter jeder Ecke etwas Besseres wartet. Man muss sich in einer Position wiederfinden, in der man nicht nimmt, weil man braucht, sondern in der man gibt, weil man kann. Liebe darf nicht einen Mangel, sondern muss einen Überfluss, zur Grundlage haben; denn Liebe ist etwas, das nur im Überfluss authentisch entsteht. Wie gesagt, Frieden mit sich zu schließen kann eine Lebensaufgabe sein, doch es ist eine Lebensaufgabe, die Spaß macht und sich lohnt. Und dann, irgendwann, wenn wir Frieden mit uns geschlossen haben, dann wird sie auf uns warten: die große Liebe. Die Dame oder der Herr mit dem gelben Regenschirm. (Für mich persönlich darf es sehr gerne Cristin Milioti sein.)

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