Vegas, baby!

Wie eine Fata Morgana erscheint Las Vegas auf einmal am Horizont, erst nur als heiß-feucht schimmernder Schweif in mitten der Wüste, die wir nun schon seit mehreren Stunden durchfahren. Es ist heiß, sehr heiß, und ich bin mir nicht sicher, ob es sich nicht wieder nur um eine Luftspiegelung handelt oder ob dies tatsächlich Fabulous Las Vegas ist, die Stadt der Sünde, Spielerparadies, Partystadt der Reichen und Schönen, die Metropole, die jedes Jahr von 37 Millionen Menschen besucht wird. Erst als ich die Türme und Säulen der Hotelkasinokolosse erkenne traue ich meinen Augen.

Vor etwa 70 Jahren noch war dieser Ort eine kleine Wüstensiedlung mit nur wenigen hundert Einwohnern. In den 40ern und 50ern dann entdeckten die Mafiabosse der Ostküste das legale Glücksspiel, und damit die kleine Ortschaft im Niemandsland, als ideale Gelegenheit zur Geldwäsche. Als der New Yorker Gangster Bugsy Siegel 1945 das erste Hotelkasino der Stadt bauen ließ (und zwei Jahre später von der Cosa Nostra ermordet wurde, weil es nicht lukrativ war), hätte niemand ahnen können, dass aus dem damals 20.000 Einwohner zählenden Wüstendorf eine Spielermetropole heutigen Ausmaßes werden könnte. Heute sind die Worte „Hotel“ und „Kasino“ hier identisch und 15 der 20 größten Hotels der Welt, gemessen an der Anzahl der Zimmer, stehen in Las Vegas.

Doch die Expansion der Stadt ist keineswegs nur eine historische Tatsache, denn selbst heute noch ist Las Vegas die Stadt mit der höchsten Wachstumsrate in den Vereinigten Staaten. In nur 17 Jahren hat sich die Einwohnerzahl mehr als verdoppelt: zählte Las Vegas 1990 noch 260.000 Einwohner leben heute bereits fast 600.000 Menschen in der Stadt, und zurzeit kommen jährlich, wenn man die Vororte der Metropolregion mit einbezieht, fast 100.000 Neubürger dazu. Dies ist nicht nur für deutsche Verhältnisse ein utopisches Bevölkerungswachstum, denn keine der 40 größten deutschen Städte verzeichnet gegenwärtig eine jährliche Wachstumsrate von mehr als einem Prozent. Auch in den USA nimmt die großstädtische Bevölkerung in der Regel nur sehr schleppend zu und in vielen Fällen sogar ab.

Was also ist es, das die Menschen in diesem Ausmaß in ihren Bann zieht? In erster Linie ist es natürlich der Rummelplatz, der sich Las Vegas Boulevard, oder einfach nur The Strip nennt, eine etwa 7 Kilometer lange Strasse, die sich quer durch die Stadt zieht. Hier reihen sich die heutigen Hotelkasinos aneinander, diese gigantischen Themenparks, deren Architektur und Ausstattung zumeist einem bestimmten Motiv folgen. Das „Paris“ zum Beispiel verfügt über einen eigenen Eiffelturm, im Maßstab von 1:2 zum Original, der sich auf Nachbauten der Pariser Oper und des Louvre stützt. Das „Luxor Hotel“ ist eine 106 Meter hohe Glaspyramide, vor der sich die Große Sphinx von Gizeh, natürlich in ihrem unbeschädigten Urzustand, in der Sonne rekelt. Das „Bellagio“ ist der italienischen Landschaft um den Comer See nachempfunden und das „Excalibur“ ist im Stile eines Märchenschlosses erbaut. Jedes dieser Hotels verfügt über mehrere tausend Zimmer, mehrere Kasinos und Schwimmbäder, Einkaufszentren und Achterbahnen durch Innen- und Außenräume. Weitere Kasino-Highlights sind zum Beispiel der feuerspeiende Vulkan des „Mirage“, die abendliche Piratenschlacht am Fuße des „Treasure Island“ oder die Wasserfontänen des „Bellagio“, die nach Musikstücken tanzen. Außerdem ist Las Vegas eine der wenigen Städte Amerikas, in der überall geraucht werden darf und in der Alkohol rund um die Uhr ausgeschenkt wird – für Spieler in Kasinos natürlich umsonst.

Doch wie fühlt sich eine stadtgewordene Fantasiewelt an? Wie gefällt sie? Nun, was auch immer man mitbringen muss, um Las Vegas zu mögen, ich hatte einfach nicht genügend davon dabei. Zwar ist Vegas überwältigend, im buchstäblichen Sinne fabelhaft, ein Stadtspektakel, das in der Welt seinesgleichen sucht. Doch leider ist das auch schon alles. Las Vegas ist eben nicht mehr als eine überdimensionale Seifenblase, ein großstädtischer Rummelplatz, auf dem die Paris Hiltons dieser Welt sich zu tummeln suchen. Es ist eine vermeintlich große, aber in Wirklichkeit erbärmlich kleine Welt, eine Welt des Scheins, der Täuschung, des Blendwerkes. In dieser Welt spielt jeder und alles wirklich jedem und allem etwas vor: der Croupier dem Spieler, der Alkohol dem Geist, der bejahrte SLK-Mietwagenfahrer der silikonisierten Blondine an der Bar. In diesem Sinne verkörpert Las Vegas alles das, was so mancher als die verwerflichen Wesensmerkmale des so genannten American Way sieht. Es ist ein Konglomerat aus Trivialität und Selbstzufriedenheit, eine Scheinwelt, die sich unaufhörlich selbst feiert, ohne dabei ihre eigene Belanglosigkeit zu erkennen. Die Stadt verkörpert damit die schlimmste Art der Ignoranz, nämlich jene, die das Wissen um die eigene Unwichtigkeit verbietet und Bescheidenheit und Demut verhindert. Natürlich ist nichts von alledem an sich beklagenswert, wenn dies nur Charaktereigenschaften einer Stadt, und nicht auch von Menschen wären. Doch Las Vegas ist zu gebieterisch, zu aufbürdend, als dass ihr Wesen nicht auch auf uns Besucher abfärben würde. Und so macht Las Vegas aus uns genau das, was wir nüchtern, eben wenn wir uns nicht vom Glanze dieser Stadt berauscht sehen, als schimpflich, würdelos, vielleicht sogar abstoßend  empfinden.

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