Weihnachten und Konsum

Die Online-Ausgabe der Rheinischen Post veröffentlichte gestern einen Kommentar zu Weihnachten, der mich leicht irritierte. Eigentlich habe ich mir ja vorgenommen, Zeitungsartikel nicht zu kommentieren, doch heute, am ersten Advent, möchte ich einmal eine Ausnahme machen. Hier also der Link zum Artikel „Der beschleunigte Advent“ von Phillip Holstein und mein Kommentar dazu:

http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/der-beschleunigte-advent-aid-1.3852180

Nach der Lektüre dieses Artikels blicke ich ein wenig perplex drein. Erstens, um das Positive einmal vorwegzunehmen, war ich emotional nicht darauf vorbereitet, einen Artikel in der RPO zu lesen, in dem ein Zitat von Ernst Bloch zu lesen ist oder in dem das Wort „Transzendenz“ vorkommt. Und zweitens haben mich einige Aussagen in diesem Artikel geschockt „Der Kaufrausch wird (…) zur Geste des Miteinanders“? „Einkauf ist Mikrorebellion“? Der Weihnachtsbetrieb hält den Kern des Festes lebendig? Ich frage mich ob des Grundes für diese Thesen. Ist das verleugnende Beschönigung? Möchte der Autor einfach nur mal etwas Kontroverses schreiben, vielleicht auch, weil das „Weihnachtskonsum-Bashing“ medial ein weit verbreitetes vorweihnachtliches Ritual ist? Oder verfolgt er, wie mein Vorkommentator meint, unausgesprochene (ideologische) Ziele, die mir hier nicht klar werden?

Unser Konsumverhalten ist der Hauptgrund dafür, dass spätkapitalistische Gesellschaften immer einsamere, emotional immer isoliertere und zunehmend sinn- und selbstentfremdete Menschen hervorbringen. Einen Kaufrausch als Geste des Miteinanders zu bezeichnen ist nicht nur sehr weit hergeholt, sondern auch eine grobe Fahrlässigkeit, weil er eine Verniedlichung dieser fatalen sozialpsychologischen Entwicklung darstellt.

Die Aussage, dass Einkauf eine Art Mikrorebellion (gegen den Konsum) darstelle ist sowohl einfältig als auch falsch. Einfältig ist sie, weil ich nur mit einer gehörigen Portion Verleugnung glauben kann, dass spezieller Konsum Kritik am generellen Konsum sein kann. (Vielleicht gehe ich mit meinen Kindern demnächst nach McDonalds, damit unsere Eßerfahrung als Familie als Kritik an der ausbeuterischen Unternehmensführung des Konzerns dienen kann. Das ist offensichtlich Unsinn.) Und falsch ist sie, weil das, was der Weihnachtskonsum-Kritiker ausdrücken möchte, hier völlig übersehen wird: nämlich die Kritik an der unausgesprochenen Kapitalismusprämisse, dass es keine Werte gibt, die den Konsum an sich transzendieren. Die „Beseelung der konsumierten Dinge“, von denen der Autor spricht, ist doch genau das, was so fatal an unserem Überkonsum ist! Denn der Weg der Zuneigung führt im Konsum vom Mensch zum Ding. Wir verlieren alle anderen Wege, um einander unsere Wertschätzung zu zeigen. Schon unsere Kinder erziehen wir, dass sie an Weihnachten die Dinge lieben lernen, die sie geschenkt bekommen, und nicht das, was Weihnachten wirklich ausmacht. Der Konsum ist somit nicht bloß Ausdruck unserer Werte, sondern er ersetzt sie.

Ich kann Kritik am Konsum, der mit dem Weihnachtsfest assoziiert wird, nur üben, wenn ich ihm Werte entgegensetze, die das Fest besser beschreiben: Nächstenliebe, die Stärkung tiefer emotionaler Beziehung, Dankbarkeit für das, was man hat und ein gesteigertes Bewusstsein dafür, dass es viele Menschen gibt, die unsere Hilfe benötigen, in welcher Hinsicht auch immer. Ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen ist nicht nur die langweiligste Möglichkeit, diese Werte in die Welt zu tragen; es steht auch im Gegensatz zu einigen dieser Werte.

Der Autor hat doch ein Gespür für die Tiefe des Festes, und somit auch ein Gespür dafür, was in unserem Miteinander zu oft zu kurz kommt; er drückt dieses immer wieder in Nebensätzen und gegen Ende des Artikels auch in mehreren ganzen Absätzen aus. Woher also kommen die äußerst unglücklichen kapitalistischen Thesen?

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Weihnachten und Konsum

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