Life on the wire

Heute gibt es zur Abwechslung mal etwas Motivierendes. Wir werden alle sterben. Die Vergänglichkeit allen Seins, unser aller Tod, ist die einzige absolute Sicherheit unserer Existenz, die einzig wirklich wichtige Tatsache unseres Daseins, das Faktum, das uns alle betrifft. Und das ist – wie ich heute argumentieren möchte – wundervoll.

Denn nur der Tod gibt dem Leben einen Sinn. Diese These mag einleuchtend und verwirrend zugleich sein, weswegen ich zu einem späteren Zeitpunkt intensiver auf die Idee des Todes als logisch notwendige Bedingung für Lebens-Sinn eingehen möchte. Für heute reicht folgende Feststellung: da der Tod die permanente Beschränkung unserer Lebenszeit darstellt, wertet er jeden einzelnen Augenblick dieser Lebenszeit auf. Dieses eine Leben, das wir haben, und jeder einzelne Moment darin, ist nicht reproduzierbar, nicht wiederholbar, ein einmaliges Geschenk, dessen Würdigung es bedarf. Folglich ist das Bewusstsein des Todes gleichzeitig das Bewusstsein um die Bedeutung des gegenwärtigen Moments. Die Unausweichlichkeit unseres Todes ist die faktische Aufforderung, das eigene Leben so reich wie möglich zu gestalten und sich auf die Suche nach den Dingen zu begeben, die wirklich wichtig sind. Somit ist die Tatsache, dass wir alle sterblich sind, ein Grund zur puren Freude. Denn was kann schöner sein als die Gewissheit, jetzt, in diesem Moment, in jedem Moment, einen Augenblick von existentieller Wichtigkeit zu erleben?

Das ist soweit keine Neuigkeit. Gerade deswegen ist es überraschend, dass die westliche Kultur den Bezug zum Tod völlig verloren hat. Mehr noch: der Tod ist das letzte große Tabuthema unserer Zeit. Der Tod ist, dem englischen Idiom zufolge, der Elefant im Raum, über den nicht gesprochen wird. Wir wollen nichts damit zu tun haben, denn er kommt ja scheinbar für jeden früh genug. Wir fühlen uns unsicher und seltsam berührt, wenn wir mit dem Tod konfrontiert werden, ist er doch die graue Wolke am strahlenden Lebenshimmel, die den Geist zu verdunkeln droht. Wir trauern leise und einsam; wir sind zurückhaltend und pietätvoll, wenn es um den Verlust anderer Trauernder geht; wir sprechen nicht über unsere eigene Vergänglichkeit und über die Gefühle, die Ängste, die sie in uns weckt. Selbst die Wissenschaften, die sich mit dem Tod auseinandersetzen müssten – Philosophie, Theologie, Psychologie – schenken dem Tod und seiner Bedeutung für unser Leben verglichen mit seiner Wichtigkeit disproportional wenig theoretische Aufmerksamkeit.

Ich meine damit nicht, dass der Tod nicht allgegenwärtig ist. Natürlich sind die Schlagzeilen voll von Berichten über Todesopfer, die von Naturkatastrophen, Kriegen, Morden oder anderen Tragödien gefordert werden; und natürlich gibt es in jedem Krimi einen Mordfall aufzuklären. Doch die Auseinandersetzung mit dem Tod ist hier keine persönliche. Wir sehen den Tod als etwas Externes, etwas, was anderen passiert, etwas, dass Bestandteil der Welt, und nicht notwendiger Bestandteil unseres eigenen Lebens, ist. Wir fragen uns nicht, was es für unser gegenwärtiges Leben bedeutet, dass es ein permanentes Ende hat. Und genau das ist die Frage, die wir uns stellen müssen, damit wir den Tod als größtes Geschenk unseres Lebens, nämlich als die unendliche Aufwertung des Jetzt, verstehen.

Ein weiterer Einwand könnte lauten, dass unsere Kultur auf dem Fundament einer christlichen Weltanschauung basiert, und wir deshalb sogar eine besonders starke Auseinandersetzung mit dem Tod pflegen. Was sonst sollte die Hoffnung auf die Existenz eines jenseitigen Lebens sein? Selbst nicht-religiöse Menschen glauben an ein Leben nach dem Tod, an die Unsterblichkeit der Seele, vielleicht an Reinkarnation oder ähnliches. Ich habe Respekt vor jedem religiösen Menschen und seinem Glauben, und es liegt mir fern, gläubigen Menschen vor den Kopf zu stoßen. Dennoch möchte ich festhalten, dass der Glaube an ein Jenseits keine Auseinandersetzung mit dem Tod, sondern dessen unverkennbare Verleugnung ist. Wenn ich daran glaube, nach meinem Tod weiterzuleben, dann besteht überhaupt kein Grund für mich, mir Gedanken darüber zu machen, welchen Wert die Gegenwart für mich hat. Ich lebe ja in Unendlichkeit. Der Tod ist somit eine Art Umzug: ich, das Ding, das weiterlebt, das den eigenen körperlichen Tod überlebt, ziehe hier aber nicht in ein neues Haus, sondern in einen neuen Lebensaggregatzustand, über dessen Essenz sich Theologen streiten. Die Einzelheiten sind hier nicht von Bedeutung. Es ist auch nicht von Bedeutung, welche Funktion die christliche Moralphilosophie dem Diesseits zuschreibt. Wichtig ist der Grundgedanke des Überlebens des Todes, der katastrophale Auswirkungen auf unsere nun fehlende Würdigung des gegenwärtigen Moments hat.

Und so leben wir, bis wir uns gezwungen sehen, dieser unveränderlichen Tatsache ins Auge zu blicken, in Verleugnung der eigenen Sterblichkeit. Vielleicht denken wir nicht bewusst, dass wir unsterblich sind; doch unbewusst agieren und fühlen wir so, als wäre die Zeit, die noch vor uns liegt, unendlich. Wir sparen für die Zukunft, sorgen uns um die Sicherheit unserer Arbeitsplätze, betrinken uns, bis wir nichts mehr fühlen, schieben unsere Träume auf und idealisieren zukünftige Zustände. „Wenn ich diese Lebensphase, das Studium, die Einarbeitung in den neuen Job erledigt habe; wenn die Kinder größer sind, die Ehekrise überwunden, die Rente erreicht, das Eigenheim bezahlt und die Summe X angespart ist, dann starte ich durch; dann beginne ich zu leben“. Und so hangeln wir uns von Lebensphase zu Lebensphase, gehetzt, gestresst, unbefriedigt. Wir leben in einem permanenten Zustand der Prokrastination und der Hoffnung auf die Zukunft, der uns die Wirklichkeit und die Wichtigkeit der Gegenwart raubt. Und somit leben wir nicht, sondern sind bloß Mitwirkende am eigenen Sterben. Denn wirkliches Leben geschieht nur im Moment und nur im Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit.

Damit meine ich nicht, dass Ungeduld zum neuen Lebensgefühl werden soll. Die Erfüllung von Träumen, das menschliche Wachsen und das Aufbauen gefühlvoller, tiefer zwischenmenschlicher Beziehungen dauern Zeit und folgen oft einer Laufbahn, über die wir keine Kontrolle übernehmen und die wir nicht eigenhändig beschleunigen können. Sie geschehen einfach, wenn wir unser Augenmerk auf sie richten. Die Frage ist immer: ist mir das, was ich gerade tue, das Verbrauchen von Lebenszeit wirklich wert? Lohnt es sich, so viel Zeit in den Job zu investieren, den ich gerade mache? Brauche ich die neue Anschaffung – das Auto, den Fernseher, die Klamotten oder das Handy – wirklich? Gibt es jemanden, den ich liebe, der es noch nicht weiß oder dem ich es schon länger nicht mehr gezeigt habe? Wem habe ich heute etwas Gutes getan? Habe ich noch Träume, die auf ihre Erfüllung warten? Wir dürfen die Meßlatte für unser Leben ruhig hoch anlegen, denn wir zahlen den höchsten Preis dafür, der möglich ist.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit zu stärken. Manchen Menschen hilft es, sich selbst einen Nachruf zu schreiben, um die eigenen Ziele und Träume klarer in den Fokus zu rücken. Morbidere Charaktere (wie der Autor dieses Artikels) überlegen sich, wie alt sie werden, und zählen dann die Tage rückwärts, die ihnen noch bleiben, um der Mensch zu werden, der sie werden wollen. Was wir auch tun, das Ziel muss sein, dass wir uns auf die Suche begeben: danach, was uns wichtig ist; danach, was wir lieben; danach, was wir mit voller Begeisterung und kindgleicher Hingabe tun. Nach der Fähigkeit in uns, volles Risiko zu gehen, auch wenn wir damit auf die Schnauze fallen könnten. Der Tod gibt uns eine Perspektive, aus der es uns möglich ist, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Er schafft Distanz, nämlich von all dem kleinen Mist, den wir nicht brauchen: Angst vor Blamagen, Wut auf den Arbeitskollegen, lähmender Besitz, Streit mit Familienangehörigen, Betäubung durch Substanzen, Selbstgerechtigkeit, falscher Stolz, sorgenvolle Blicke in die Zukunft. Wenn wir am Ende unseres Lebens stehen, dann sind es nämlich nicht die Blamagen oder die Misserfolge, die wir bereuen. Es sind die Chancen, die wir nicht nutzten und die Möglichkeiten, die wir nicht wahrnahmen.

Der deutsch-amerikanische Hochseilakrobat Karl Wallenda soll einmal gesagt haben: „life is on the wire, the rest is just waiting“. Es ist an der Zeit, nicht mehr zu warten, sondern auf das Seil des Lebens zu steigen.

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Motivierendes, Tod

5 Antworten zu “Life on the wire

  1. Das Problem, lieber Carsten, ist bei Deinen gedankenreichen Posts, dass man sie gerne mit einem Kommentar belohnen würde – und daran scheitert, dass man ihnen nichts Lohnenswertes hinzufügen kann. Fühle Dich also bitte gelesen (und durchaus auch verstanden), auch wenn kaum jemand sich anmaßt, mit Dir in einen Austausch treten zu können. Was könnte man hinzufügen, außer Triviales?
    Im Ernst: Demut ist keine meiner großen Stärken, aber so ein Post macht mich demütig.

  2. heidi kratz

    Lieber Carsten,
    ich scheue mich nicht etwas recht Triviales zu schreiben :
    Danke für Deine tiefsinnigen Gedanken. Und besonderen Dank für die trotzdem einfache und verständliche Sprache, der Du Dich bedienst.
    Hast mich zum Nachdenken angeregt …
    LG
    Heidi

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