Fankultur in England

Wenn die Bengalen brennen, die Fäuste fliegen und Tränengas in der Luft liegt, dann ertönen sie wieder, jene Rufe nach mehr Sicherheit und mehr Kontrolle in den Stadien der Republik. Nach höheren Strafen, strengeren Regeln, nach der starken Hand, die uns Frieden und Freiheit im Stadion beschert. Im Mutterland des Fußballs wurden diese Rufe erhört und seitdem geht es in der Tat friedlicher und sicherer zu als jemals zuvor in der 150-jährigen Geschichte des englischen Fußballs. Kann England ein Vorbild für die Entwicklung des deutschen Fußballs sein? Welchen Preis musste England für seine sicheren Stadien bezahlen? Eine ernüchternde Bilanz.

Der gemeine Fußballromantiker pflegt von der Atmosphäre in den englischen Stadien zu schwärmen, von lautstarken Fangesängen, Hexenkesseln und von der Unterstützung der eigenen Mannschaft nach alter englischer Schule. Doch die Realität in den Stadien auf der Insel sieht anders aus, denn fantechnisch steckt der englische Fußball seit etwa 25 Jahren in einer Krise. Wie kam es dazu?

Der Umbruch im englischen Fußball begann mit den drei großen Stadionkatastrophen aus den Jahren 1985 bis 1989 in Bradford, Brüssel und Hillsborough, bei denen 191 Menschen ums Leben kamen und 1485 weitere verletzt wurden. Um zukünftig die Sicherheit bei Sportveranstaltungen gewährleisten zu können sprach eine unabhängige Kommission Empfehlungen an die britische Regierung aus, die 1989 unter dem Titel „Taylor Report“ veröffentlicht wurden. Die britische Regierung reagierte daraufhin mit einem Maßnahmepaket, das den englischen Fußball für immer verändern sollte. Alle Stehplatzsektionen in den Stadien wurden abgeschafft und den Vereinen wurde auferlegt, ihre Eintrittspreis- und Ticketabgabestrukturen grundlegend zu verändern.

So traurig die Ursache dieser Änderungen, so tief greifend war der Einschnitt, den die englische Fankultur zu spüren bekam. Die Eintrittspreise explodierten, so dass sich die eigentlichen Eigner des Sports, die Arbeiter, den Stadionbesuch nicht mehr leisten konnten. Auf jede Art der Sicherheitsgefährdung wurde mit Panik reagiert, was zu immer schärferen Gesetzen, immer härteren Strafen und immer längeren Stadionverboten führte. Und anstatt nach der Modernisierung der Stadien über die Jahre eine moderatere Linie zu fahren entschieden sich britische Regierung und FA, die Kultivierung einer neuen Art des Fanseins voranzutreiben, nämlich die des Fans nach amerikanischem Stil, von dem wenig Gefahr ausging, gleichzeitig  aber hohe Einnahmen zu erwarten waren. Dessen Interessen galt es von nun an zu sichern.

Beispiel FC Arsenal. Wie jedes andere Stadion der Premier League besitzt das Emirates-Stadium ausschließlich Sitzplätze und wie in jedem anderen Stadion auch ist es verboten, im Sitzplatzbereich zu stehen. Uneinsichtigen Stehern im Sitzplatzbereich sowie Besuchern, die einem „unangemessenen Verhalten“ (wie Fluchen oder Beleidigen)  schuldig werden drohen einmalige Stadionverweise, Wiederholungstätern gar Stadionverbote. Doch der FC Arsenal geht noch einen Schritt weiter und bietet seinen Fans folgenden Service an: über eine eigens für Stadionbesucher eingerichtete Telefonhotline können Fans im Stadion per SMS oder Anruf Beschwerden an die verantwortlichen Stewards senden, damit diese die Übeltäter zurechtweisen oder umgehend aus dem Verkehr ziehen können.

Beispiel FC Middlesbrough. Im Februar 2009 wandte sich die Sicherheitsbeauftragte Sue Watson mit einem offenen Brief an die Besucher des Fanbereichs und forderte diese auf, ruhigere Fans doch bitte nicht mit Lärm zu belästigen, wenn gerade kein Tor für die Heimmannschaft fällt. Es hatte Beschwerden von anderen Fans über die Lautstärke der Gesänge und ein permanentes „Geklopfe“ aus dem Fanbereich gegeben.

Manch einer mag sich fragen, warum das denn alles so schlimm sei. Sicherheit hat eben seinen Preis – und fußballerische Qualität ebenso. Dann sitzen wir Fans eben und zahlen halt ein paar Mark mehr, doch dafür dürfen wir bei garantierter Sicherheit und friedlicher Atmosphäre Fußballgiganten wie Rooney, Drogba, Henry oder Gerrard zujubeln. Schöner kann es doch gar nicht sein. Oder?

Was hier vergessen wird sind die gesellschaftlichen Auswirkungen, die die Entwicklung der englischen Fankultur hat. In England kann der Fußball seine Aufgabe, nicht nur Freude zu bereiten, sondern auch soziale Brücken zu bauen, nicht mehr erfüllen. In Deutschland stehen Anwälte mit Arbeitern in der Kurve, Studenten mit Hartz4-Empfängern, Schüler mit Rentnern, und alle singen, jubeln und trauern gemeinsam. Oft haben deutsche Fans eine Dauerkarte, treffen sich allwöchentlich bei Heim- und Auswärtsspielen, bringen sich in Fanprojekten ein oder organisieren sich in Fanclubs. Sie veranstalten Partys oder Familientage, oder sie organisieren Informationsveranstaltungen zu den Themen, die ihnen wichtig sind. Arme und reiche, schwarze und weiße, große und kleine Menschen kommen so zusammen und kreieren einen Lebensraum, einen Fan-Mikrokosmos, in dem sie sich frei bewegen können und in dem sie bestimmen können, wer sie sind und was sie sein wollen.

Diese Fankultur ist bei uns – mehr oder weniger – lebendig, und die Gründe dafür sind offensichtlich: Mitbestimmungsrecht in eingetragenen Vereinen, bezahlbare Eintrittspreise auch für junge und arme Menschen, Stehplätze, Selbstverwaltung der Kurve und Freiheit in den identitätsbildenden Stilmitteln, zu denen unter anderem Zaunfahnen, Gesänge, Choreographien und Transparente zählen. In England fehlen die Grundlagen für diese Art der dynamischen und freien Fankultur, und zwar gänzlich. Fans mit Leib und Seele können sich zumeist den Besuch aller Spiele in einer Saison nicht mehr leisten oder sie wurden schon vor Jahren mit einem vieljährigen oder lebenslangen Stadionverbot belegt. Wenn sie sich die Eintrittspreise leisten können, dann zumeist nicht oft genug, um die Stabilität zu garantieren, die die Entwicklung einer Fankultur benötigt. Gleichzeitig aber nimmt die Anzahl jener Stadiongänger zu, für die ein Stadionbesuch ein Statussymbol und ein Fußballspiel ein Event ist. Das Ende vom Lied ist eine Masse an Woche für Woche ausverkauften Stimmungsgräbern, für die, um polemisch zu sprechen, selbst Leverkusener Stadionatmosphäre ein Gewinn wäre.

Doch die Fankultur selbst verschwindet nicht, sie verlagert sich nur, nämlich in die Pubs und Bars des Landes. Und dort ist sie den Einflüssen der lokalen Kneipenkultur unterworfen. Alkohol- und Drogenmissbrauch, ein erschwerter Stand für Frauen und Kinder, latente Gewaltbereitschaft und die pubtypische Segregation zwischen Arm und Reich verhindern, dass eine Fankultur blüht oder sich so etwas wie eine Fanszene entwickelt. Und ebendort, in den Pubs und Bars von London bis Manchester, so das ernüchternde Fazit des Schreibers, liegt die englische Fankultur begraben.

Wie also sind die Zukunftsaussichten der freien Fankultur in Deutschland? Erwarten uns bald englische Verhältnisse? Droht die Fankultur, so wie wir sie kennen, auf lange Sicht gesehen auszusterben?

Dem mittlerweile salonfähigen Pessimismus in Fankreisen zum Trotz muss die Antwort darauf ganz klar „Nein“ lauten. Der Fußball in Deutschland unterliegt, und unterlag schon immer, grundsätzlich anderen gesellschaftlichen Einflüssen als in England. Wir hatten nicht mit den Nachwirkungen einer Klassengesellschaft zu kämpfen; Ghetto-Bildungen von zehntausenden Einwohnern wie in London, Birmingham oder den Industriestädten des Nordens sind uns weitestgehend unbekannt; wir mussten nie ein Bradford, ein Heysel oder ein Hillsborough erleben; in Deutschland hat es Ausschreitungen der Größenordnung, die in England bis in die 90er-Jahre gang und gäbe waren, nie gegeben; und wir wehren uns immer noch tapfer gegen die vollständige Verkapitalisierung unserer Fußballvereine.

Auch wenn nicht alles rosig ist, so haben wir in Deutschland Freiheiten, die nicht selbstverständlich sind und für die es sich zu kämpfen lohnt. Freiheit ist immer etwas Zartes, Unschuldiges, etwas Zerbrechliches, das der Wucht und Härte von konservativem Sicherheitsdenken und kompromissloser Profitmaximierung nicht gewachsen ist. Es ist unsere Aufgabe, diese Freiheit zu beschützen.

(Erstveröffentlichung: Inside SCD, Ausgabe 02/2012, Supporters Club Düsseldorf 2003 e. V.)

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