Kopfmensch in Bauchwelt

Kopfmenschen sind manchmal ein wenig komisch. Geht es um emotionale Dinge oder oberflächliche Gespräche, dann wirken sie oft hilflos und ungeschickt. In großen Gruppen gehen sie meist unter und ziehen sich in sich selbst zurück, wenn sie nicht eine Strategie, eine zweite Persönlichkeit, entwickelt haben, um mit Situationen dieser Art umzugehen. Sie sind zumeist introvertiert, manchmal ein bisschen skurril und tollpatschig. Für viele sind sie sonderbare Streber, für andere arrogante Besserwisser. Sie mögen Fakten, Theorien, Objekte und Ideen. Oft wirken sie kalt und rational, manchmal schüchtern, manchmal unnahbar. Sie brauchen länger, um sich in neuen Situationen zurechtzufinden, sind perfektionistisch, müssen ihre Privatsphäre selbst kontrollieren können und haben ein gesteigertes Bedürfnis danach, alleine zu sein. Sie sind oft völlig desinteressiert, wenn es um Dinge geht, für die sich die meisten interessieren, doch höchst eigen und sensibel, wenn es um moralische Fragen oder um das Thema geht, das sie gerade beschäftigt. In einer lauten Welt, in der jeder schreit, um gehört zu werden, sind sie leise, ganz leise, obwohl sie so viel zu sagen hätten.

Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, dass ich ein Kopfmensch bin. Ich bin glücklich damit und kann es genießen. Doch das war nicht immer so. Viele Jahre lang habe ich mich dafür geschämt, mich gefragt, was mit mir los ist. Warum bin ich nicht so spontan wie die anderen und warum reagiere ich so extrem auf gewisse Grenzüberschreitungen? Warum brauche ich so viel Zeit für mich? Bin ich nicht ganz normal, wenn ich lieber alleine vor dem Computer oder schreibend vor meinem Tagebuch sitze, statt mit den anderen feiern zu gehen? Und warum brauchte ich in der Vergangenheit oft Alkohol, um mich anderen Menschen zu öffnen und mich für sie zu interessieren? Heute weiß ich, dass ich normal bin. Ein ganz normaler Kopfmensch eben. Und für Menschen, die auch so sind, schreibe ich diesen Blog: für andere Kopfmenschen, die Tag für Tag versuchen, sich in einer Bauchwelt zurechtzufinden. Für Menschen, die gerne nachdenken und die sich dafür interessieren, warum die Welt so ist, wie sie ist, und warum wir tun, was wir tun. Ich schreibe diesen Blog, weil mich Oberflächlichkeit langweilt und Smalltalk und Gossip in höchstem Maße ermüden; weil ich traurig darüber bin, dass es so viele introvertierte und höchst intelligente Menschen gibt, die sich immer schwieriger in dieser Welt des Glanzes, des Scheins und des Konsums zurechtfinden. Ich schreibe diesen Blog (und ich benutze das Maskulinum, weil sich das Neutrum in meinem Kopf falsch anhört), weil ich mich in mir selbst einsam fühle und keine Rolle mehr spielen möchte; weil ich mich gerne über Dinge austauschen möchte, die wichtig und wertvoll sind; und weil ich andere Menschen, denen es ähnlich geht, wissen lassen möchte, dass ich dankbar dafür bin, dass es sie gibt.

Nicht ganz unüberraschend beobachte ich die Dinge, mit denen ich mich in diesem Blog befasse, durch die Brille der Intellektualität. Sie ist meine Brücke ins Leben, mein Filter, mithilfe dessen ich Wichtiges von Unwichtigem trenne. Ich rationalisiere, intellektualisiere, untersuche und analysiere; ich prüfe, wie sich die Dinge in größere Zusammenhänge einordnen lassen, geschichtlich, soziologisch, anthropologisch; ob sie moralische, wissenschaftliche oder logische Komplikationen aufweisen; welche psychologischen Grundsätze unserem Fühlen, Denken und Handeln zugrunde liegen; ich suche nach dem, was die Dinge wichtig macht, was ihnen einen Sinn gibt, warum sie den Wert besitzen, den wir ihnen zuweisen. Das ist mein Ding. Jeder Mensch hat „sein Ding“ und am glücklichsten leben wir, wenn wir „unser Ding“ in Einklang mit dem Rest unseres Lebens bringen. Dabei ist es gar nicht so wichtig, wie gut wir es machen, sondern nur, dass wir es überhaupt tun. Ich bin (mittlerweile) mit meinem Ding sehr glücklich und ich hoffe, dass ich mit diesem Blog Menschen erreiche, die ähnlich fühlen und denken, wie ich es tue. Euch möchte ich sagen: Bleibt, wie Ihr seid – oder werdet, wie Ihr sein müsst.

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